Nun kam auch meiner kleinen Marie die Sache so komisch vor, daß wir alle Beide in kindischer Ausgelassenheit lachten und kicherten und uns über diesen Gedanken gar nicht wieder beruhigen konnten. In meiner Lustigkeit umschlang ich Tante Ulrike's Hals und blickte ihr fröhlich in ihre lieben, sanften Augen, in denen ich ebenfalls Anklänge an unsere Fröhlichkeit zu finden erwartete.
Aber ernst und sinnend war der Blick, der mich aus diesen Augen traf, und mit leisem Kopfschütteln sah die Tante zu uns lachenden Mädchen hinüber.
»Ich begreife euch alle Beide in dieser Sache nicht,« sagte sie jetzt milde, aber vorwurfsvoll. »Gestern schon ließt ihr eurer Heiterkeit in Betreff dieses armen Mannes den Zügel schießen und verriethet wenig Zartgefühl, und jetzt ist mir diese Auffassung der Dinge nun gar unbegreiflich. Gretchen, vergißt du denn ganz, was ich dir heute Morgen gesagt habe? Hatte ich denn wirklich so unrecht, als ich mein Bedenken darüber aussprach, deine freundliche Zuvorkommenheit könne anders gedeutet werden? Der Gedanke erscheint dir sehr lächerlich; aber wird er es demjenigen auch sein, in dem du diesen Wahn erregtest?«
Die Worte der Tante trafen mich wie ein bitterer Vorwurf, und beschämt barg ich mein Gesicht an ihrem Halse. Sie ließ mich still eine Weile auf ihrer Schulter ruhen, um mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen, dann hob sie meinen Kopf sanft empor, strich mir das Haar aus der Stirn und blickte mich ernst und liebevoll an.
»Siehst du wohl, mein Kind,« sagte sie dann leise, »daß ich nicht unrecht hatte, wenn ich meinte, der arme Baron habe vielleicht viel tieferes Gefühl, als seine steife, wunderliche Figur und seine schlechten Manieren vermuthen lassen? Es ist sehr schwer, einsam und verlassen durch die Welt zu gehen, und darfst du nun darüber lachen, wenn der einsame Mann glaubt, jemand gefunden zu haben, der ihn lieb hat mitten unter einer Menge Menschen, von denen er sieht, wie gleichgültig, ja unfreundlich sie ihm begegnen? Uns ist es lächerlich, daß der Arme sich hierin geirrt hat, und daß er also auch ferner sein einsames, freudenloses Dasein fortsetzen muß!«
Während Tante Ulrike's Rede war das Lachen gänzlich von meinen Lippen geschwunden und hatte ernsten Vorwürfen Platz gemacht, welche jetzt wie Sturzwellen mich überflutheten und sogar Thränen in meine Augen brachten.
»Ach mein Gott, Tantchen, das hatte ich nicht bedacht, das war sehr, sehr schlecht von mir!« sagte ich niedergeschlagen, und mit jeder Minute stieg meine Unbesonnenheit höher vor mir auf und sah drohender und zürnender auf mich nieder. Die stille, ernste Gestalt und die traurigen Blicke des armen Barons traten jetzt plötzlich in so anderem Lichte vor mich hin; die Bitterkeit, sich betrogen und verschmäht zu sehen, und der Schmerz, einem gehofften Glück entsagen zu müssen, ließen ihn so ganz anders in meinen Augen erscheinen, daß ich nicht begriff, wie ich so eben nur die andere Seite der Sache betrachten konnte. Das innigste Mitleiden mit dem armen Manne ergriff mich, ich hätte ihm so unsäglich gern helfen und beistehen mögen – aber wie konnte, wie sollte ich das; denn ihn wirklich heirathen, daran konnte doch niemand ernstlich denken, und ich am allerwenigsten.
Je mehr ich dachte, je trauriger wurde ich, denn ich wußte keinen Rath. Endlich drang Thräne auf Thräne aus meinen Augen, und beschämt barg ich mein Gesicht in meinen Händen.
»Ach Tantchen, er thut mir so schrecklich leid, und ich kann ihm doch nicht helfen,« klagte ich trostlos. »Daß ich auch so unbesonnen sein mußte! Wer konnte das aber auch denken?«
Die Tante war ganz still und störte meine Gedanken nicht, endlich aber kam Marie, die im Zimmer auf und nieder gegangen und dann sinnend an das Fenster getreten war, zu mir heran, nahm meine Hand von den Augen und sagte: