»Nein, das kann ich so nicht länger mit ansehen. Ich wollte die Geschichte zwar eigentlich nicht ganz so erzählen, wie sie ist, aber jetzt muß ich es, das sehe ich wohl. Tante Ulrike, du hattest ganz recht, unser albernes Lachen zu tadeln, denn kindisch war es, ich sehe es ein; aber so wie du die Sache ansiehst, ist sie doch nicht. Thut mir Beide die Liebe und laßt sie euch erzählen. Ihr seid auch gar nicht ein bischen neugierig, woher ich sie weiß, und wie das alles zusammenhängt.«
»Das ist wahr, erzähle doch, Kind,« sagte die Tante.
Marie setzte sich neben mich, schlang ihren Arm zärtlich um meine Schulter und sprach:
»Als ich vor einigen Stunden von einem Besuch nach Hause kam, sah ich unsern guten Baron Senft vor mir die Treppe hinauf gehen und in dem Zimmer meines Bruders verschwinden. Er hatte mich nicht gesehen, was mir sehr lieb war, ich aber glaubte zu bemerken, daß er aufgeregt und erhitzt aussah, als er in so ungewöhnlicher Hast die Treppe hinauf stürmte. Ich dachte nicht weiter an den seltsamen Gast, sondern besorgte einige häusliche Arbeiten; aber nach einiger Zeit trat mein Bruder mit unbeschreiblich lustigem Gesicht zu mir in das Zimmer.
»Rathe einmal Marie, wer so eben bei mir gewesen ist,« sagte er schelmisch.
»Nun dein Freund, der Baron Senft, das ist nicht so schwer zu errathen,« erwiderte ich.
»Aber was er wollte, das rathe einmal, mein kluges Schwesterlein!« fuhr er lachend fort.
»Was kümmern mich eure Angelegenheiten, laß mich damit in Ruhe!« rief ich und beugte mich wieder auf meine Arbeit.
»Nun ich denke doch, sie gehen dich etwas an, Kleine,« sagte Eduard neckend und zog mir den silbernen Leuchter fort, den ich so eben polirte. »Oder ist es dir so gleichgültig, wenn es sich um deine hübsche, schwarzäugige Freundin handelt?«
»Wie? Gretchen betrifft der Besuch des Sonderlings? Nicht möglich! Was will er, erzähle, lieber, bester Eduard!« rief ich überrascht, und schob mein Silberzeug schnell auf die Seite.