»Es wird den armen Mann aber nur noch steifer und scheuer machen, als er ohnehin schon ist,« fuhr ich traurig fort. »Nein, nein, Marie, du urtheilst zu hart, und trotz allem, was du ihm vorwirfst, thut er mir doch schrecklich leid!«

»Nun so geh und heirathe ihn, Schatz! Vielleicht thust du ein gutes Werk und machst einen brauchbaren Menschen aus ihm!« rief Marie mit komischer Heftigkeit.

»Nein, das bin ich trotz all' meines Mitleids doch nicht im Stande,« lachte ich mit Thränen im Auge. »Er verlangt mich ja auch nur, weil er meint ich liebe ihn, also würde ich ihn ja betrügen, nähme ich seinen Antrag an. Also davon kann gar keine Rede sein. Aber ich wünschte von ganzem Herzen, er fände bald, was er suchte, und was ich ihm nicht bieten kann.«

»Nun wir wollen es hoffen, Kind!« sagte Tante Ulrike freundlich und küßte mich auf die Stirn. »Die Sache wird hoffentlich hiermit abgemacht sein und weiter keine Folgen haben. Du aber, mein Töchterchen, zieh dir die ernste Lehre daraus, daß ein junges Mädchen Herren gegenüber nicht vorsichtig und besonnen genug sein kann. So manches Mädchen ist in den Ruf der Koketterie gekommen, nur weil ihre Unbesonnenheit und Lebendigkeit sie verleitete, Dinge zu sagen und zu thun, welche gegen die hergebrachten Regeln der Gesellschaft verstießen. Daß der Baron dich trotz deiner Weigerung jetzt dennoch nicht für gefallsüchtig halten möge, hoffe und wünsche ich aufrichtig; von einem weniger ernsten, soliden Manne, als er ist, dürftest du kaum eine andere Auffassung deines Betragens erwarten.«

Still neigte ich mich auf die liebe Hand der Tante, welche in der meinen lag, und einen Kuß auf dieselbe drückend, verließ ich ziemlich kleinlaut mit Marie das Zimmer. Aller kindische Uebermuth war von uns Beiden gewichen, und in ernster Stimmung sprachen wir noch lange über die schonendste Art und Weise, in welcher ich dem Baron die abschlägige Antwort zukommen lassen wollte. Eduard übernahm natürlich diesen schwierigen Auftrag; aber trotz des feinen Taktes, mit dem er dem Freunde den Stand der Dinge berichtete, hatte meine Weigerung freilich zur Folge, daß der arme Einsame wieder für lange Zeit hinter den Mauern seiner Einsiedelei verschwand.

Ich aber konnte nicht ohne gerechte Selbstvorwürfe an dies Ereigniß zurück denken, das mich heftig bewegt hatte, und immer wieder sah ich im Geiste jene dunklen, schwermüthigen Augen, welche mich so ernst und forschend anblickten. O was hätte ich darum gegeben, diesem trefflichen Manne ein Glück verschaffen zu können, das diese traurigen Augen in freudig strahlende verwandelte! Ich selbst hätte diesen Wechsel nie hervorbringen können, das wußte ich nur zu gut, und auch der Baron würde dies bald genug selbst erkannt haben.

9.
Noch eine Neuigkeit.

Das Leben im Hause der Tante gestaltete sich immer angenehmer und harmonischer, je länger ich dort verweilte, und schon lange dachte ich nicht mehr mit jener verzehrenden Sehnsucht, welche mich im Anfange so unsäglich peinigte, an mein liebes Vaterhaus zurück. Ich erkannte jetzt mehr und mehr, welchen Werth es für meine ganze geistige Entwickelung hatte, einen Theil meiner Jugend bei Tante Ulrike zu verleben, und die unbeschreibliche Liebe, mit der dieselbe mich erzog, brachte mich leichter über die tausenderlei Mängel und Fehler hinweg, mit denen ich armes Backfischchen täglich immer wieder zu kämpfen hatte.

Bei dem engen Verkehr, welcher zwischen Tante Ulrike und mir stattfand, konnte es mir nicht entgehen, wenn die heitere Stirn derselben sich trübte, und so beunruhigte es mich ernstlich, als ich die Tante eines Morgens aufgeregt und in Thränen in ihrem Lehnsessel fand, sie, die sonst immer klar und ruhig alle Verhältnisse überblickte und sich eine ungewöhnliche Herrschaft über ihre Gefühle errungen hatte. Ein Brief lag vor ihr auf dem Tische, und als ich erschrocken herbei eilte zu fragen, was ihr fehle, winkte sie mir sanft zu, mich zu entfernen, was ich natürlich in großer Sorge that. Lange hatte ich zu warten, ehe die Tante zu mir in das Zimmer kam; ich hörte sie viele Male in ihrem Kabinet auf und nieder gehen, ein Zeichen, daß sie nach Fassung rang; dann endlich knitterte Papier, und ich hörte, wie die Klappe ihres Schreibsecretärs knarrte, also schrieb sie.

Endlich kam sie zu mir, zwar ernst und niedergeschlagen, aber doch ruhig wie immer. Sie setzte sich neben mich, strich mir liebevoll über das Gesicht und sagte: