»Gretchen, ich muß dir einen Theil dessen erzählen, was mich, wie du gesehen, so unbeschreiblich bedrückt. Du bist ein verständiges Mädchen und hast mich lieb, also kann ich dir immerhin etwas anvertrauen, wovon mein Herz belastet wird. Natürlich sprich außer gegen deine gute Marie und deren Mutter, welcher ich es selbst mittheilen werde, gegen niemand davon.«
Ich küßte ihre liebe Hand, was ich so oft und so gern that, wenn ich ihr meine Liebe und Verehrung bezeigen wollte, und mit sanfter Stimme sprach die Tante weiter: »Du weißt, mein liebes Kind, daß ich seit vier Jahren schon Wittwe bin, nachdem ich an der Seite meines trefflichen, geliebten Mannes die schönsten Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte. Wir schlossen uns um so inniger an einander, nachdem uns Gott das einzige Kind wieder genommen, das unser Glück vollkommen machte. Eine schwere, traurige Zeit war es, als ich den süßen Knaben verloren, aber meines Gatten zarte Liebe half mir das Schwerste tragen, und so hat mein Herz sich endlich ruhig in Gottes Willen ergeben. Aber noch ein anderes Leid drückte uns bald darnieder, und hier war ich es wieder, die meinem Gatten tröstend zur Seite stand. Sein einziger Bruder nämlich, mit dem mein Mann durch die innigsten Bande der Liebe verknüpft war, hatte einige Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau ein junges Mädchen geheirathet, das ihn durch Schönheit und Anmuth zu fesseln verstanden. Zwar hatte man ihn von allen Seiten vor dem Leichtsinn und der launischen Gemüthsart des schönen Mädchens gewarnt, aber Adolph verachtete all' diese Stimmen und ließ sich, verblendet wie er war, von seiner Bewunderung und Leidenschaft hinreißen. Leider war auch die Sorge für seine kleine elfjährige Tochter nicht im Stande, ihn von dem unbesonnenen Schritte zurück zu halten, obwohl das reich begabte Kind gar sehr einer zweiten treuen Mutter bedurft hätte.
Nur zu bald freilich sah mein armer Schwager, wie unbesonnen seine Wahl gewesen. In den sieben Jahren seiner Ehe mit Kathinka ist der kräftige Mann vor Kummer fast zum Greise geworden, denn unmöglich können zwei Naturen weniger zusammen stimmen, als er und sein eitles herzloses Weib. Adolph ist zu schwach und liebt den Frieden im Hause zu sehr, um all' den Launen und Thorheiten seiner vergnügungssüchtigen Frau so entgegen zu treten, als er es wohl sollte, und so mag es dir genügen zu wissen, daß diese Ehe eine unendlich unglückliche ist. Daß die Erziehung der kleinen Eugenie neben solcher Mutter natürlich auch keine gute war, kannst du dir denken; denn der Einfluß des Vaters genügte nicht, um alle nachtheiligen Elemente von seinem Kinde fern zu halten. Eugenie wuchs heran, begabt mit Talenten und körperlichen Vorzügen, eine fertige junge Dame, glänzend und anmuthig, wie die Mama es nur wünschen konnte; aber wenn auch nicht leichtsinnig und herzlos wie diese, wovor sie ihr natürlich gutes Herz bewahrte, so doch ohne rechte innere Gemüthswelt, wie ich sie bis jetzt zu beurtheilen Gelegenheit hatte. Ihre große Selbständigkeit und Originalität sind außerdem noch eine zwar interessante, aber gefährliche Zugabe, und wohl hätte ihre Erziehung bei solchen Anlagen einer ganz besonderen Sorgfalt bedurft. Oft schon bot ich meinem Schwager an, Eugenie eine Zeitlang zu mir zu nehmen; aber der arme Mann konnte sich nicht entschließen, die einzige Freude seines Lebens von sich zu geben, und so blieben die Sachen bis jetzt wie sie waren. Der heutige Brief jedoch giebt mir nun die Nachricht, daß mein Schwager, um sich dem häuslichen Jammer für einige Zeit zu entziehen, als Gesandter seiner Regierung nach dem Auslande gehen wird, scheinbar zwar dorthin geschickt, in der That aber nur auf seinen eigenen dringenden Wunsch. Seine Frau wird ihn also nicht begleiten, und um Eugenie nicht unter der alleinigen Obhut der leichtfertigen Mutter zu lassen, bittet er mich dringend, seine Tochter für die Dauer seiner Abwesenheit in meinem Hause aufzunehmen. Ich habe ihm so eben geantwortet, daß ich hierzu bereit sei, und so sehe ich denn Eugeniens baldiger Ankunft entgegen.
Da dieser Wechsel in unserer Häuslichkeit nun auch dich betrifft, mein Gretchen,« fuhr die Tante nach einer kleinen Pause liebevoll fort, »so mußte ich dir einen Theil jener traurigen Familienverhältnisse enthüllen, von denen ich mit dir sonst niemals gesprochen hätte. In Rücksicht darauf wirst auch du Nachsicht haben gegen die Fehler Eugeniens, welche in solcher Umgebung entstanden. Auch meine Aufgabe, unserer neuen Hausgenossin gegenüber, ist keine leichte, und so wollen wir denn Beide mit gutem Muthe und herzlicher Liebe unsere Eugenie erwarten.«
Ich hatte die Erzählung Tante Ulrike's mit inniger Theilnahme angehört, als sie jedoch von der Ankunft Eugeniens sprach, erzitterte mein Herz unwillkürlich, und angstvoll blickte ich in das sanfte Auge der Tante, um mir dort Ermunterung und Zuversicht für den bevorstehenden Wechsel zu suchen. Eben fing ich an, mich wohl und behaglich hier im Hause zu fühlen, meine schüchterne Zurückhaltung gegen die Tante war erst jetzt einem innigen Vertrauen und herzlichem Anschmiegen gewichen, wie würde es nun werden, wenn eine dritte Person zwischen uns trat, und zwar solch' bedeutendes, glänzendes, selbständiges Mädchen, als Eugenie der Beschreibung nach sein mochte! Welch' traurige Rolle würde ich armes Dorfkind neben solch' einem Wesen spielen, wie verächtlich würde diese Eugenie gewiß auf mich herab sehen, und wie viel neue Plage würde daraus für mich nun wieder entstehen, wo ich kaum anfing, mich etwas in die neuen Verhältnisse zu finden.
Solche Gedanken fuhren mir blitzschnell durch den Sinn und brachten mein Herz in unbeschreiblichen Aufruhr. Da aber erklangen die Worte der Tante, welche mich an die trüben Verhältnisse mahnten, in denen Eugenie bis jetzt gelebt, und daß wir derselben mit gutem Muthe und treuem Herzen entgegen kommen wollten. Tief beschämt, daß ich eigensüchtiger Weise nur an mich und meine Unbequemlichkeiten gedacht, drückte ich die Hand der verehrten Tante, diese aber zog mich liebevoll an ihr Herz, und indem sie mich küßte, blickte sie mir voll Zärtlichkeit in die Augen.
»Habe keine Furcht, mein Kind,« sagte sie dabei sanft, »dir soll kein Nachtheil durch unsere neue Hausgenossin entstehen. Ich bin dir schützend und helfend zur Seite, meine Liebe wird vermitteln, wo es nöthig ist. Vertraue mir nur und sei guten Muthes.«
Es war, als ob die Tante alle Befürchtungen meines armen Herzens gelesen hätte, denn ohne daß ich ein Wort gesprochen, traf sie sogleich den Punkt, wo ich schwach und zaghaft gewesen. Tief erröthend gestand ich ihr nun meine egoistischen Gedanken und schöpfte mir für alles, was da kommen möchte, Muth und Vertrauen an ihrem treuen Herzen, das schon so oft mein Trost und meine Zuflucht gewesen.
Nur wenige Wochen nach diesem Gespräche kam die Erwartete denn auch wirklich eines Nachmittags an. Die Tante war nach dem Bahnhofe gefahren, um Eugenie zu empfangen, und ich harrte indessen zu Haus in banger Erwartung hinter meiner dampfenden Kaffeemaschine, in welcher ich für die Reisende den warmen Bewillkommnungstrank braute. Da fuhr der Wagen vor, und hinter der Gardine spähend sah ich neben Tante Ulrike eine hohe, schlanke Gestalt aussteigen, welche in leichten Schritten nach dem Hausflur eilte, die Sorge für all' ihre unzähligen Reiseeffecten einem hübschen, jungen Mädchen überlassend, das sich bis zum Kinn hinauf damit bepackte. Ich eilte den Ankommenden jetzt schnell entgegen und wurde Eugenien durch die Tante als ihre liebe Nichte Margarethe vorgestellt.
»So so, das ist das Backfischchen vom Lande, von dem du mir vorhin erzähltest,« sagte Eugenie leichthin und ließ ihre Blicke flüchtig auf mir ruhen. Dann reichte sie mir im Vorübergehen ihre zierlichen Fingerspitzen, die von zarten grauen Handschuhen bedeckt waren, und sich zu Tante Ulrike wendend fuhr sie schnippisch fort: »Hast du die Absicht, dir ein Mädcheninstitut anzulegen, daß du dir eine junge Dame nach der andern kommen läßt, Tante Ulrike?«