»Ich hoffe, mein Gretchen wird dir eine liebe Schwester werden,« entgegnete die Tante sanft, indem sie die häßlichen Worte Eugeniens nicht beachtete und mir leise mit der Hand über das Haar strich.

Eugenie wandte sich lachend zu mir und sagte: »Nun, ich bin zwar bis jetzt auch ohne Schwester fertig geworden, aber ich hab' nichts dagegen, daß wir gute Freunde werden, Cousinchen!« Dabei kam sie rasch auf mich zu, und ehe ich es dachte, drückte sie einen herzlichen Kuß auf meine Lippen. Dann wandte sie sich eben so rasch nach jenem belasteten jungen Mädchen, das jetzt in das Zimmer trat und rief: »Lisette, lege die Sachen nur indessen alle auf die Erde und hole mir zuerst ein Glas Wasser, ich komme um vor Hitze und Durst!«

Aber noch ehe Lisette diese Geschäfte beendet, warf sich ihre Herrin auf einen Stuhl, und indem sie einen Fuß empor streckte, rief sie: »Zieh mir diese abominablen Pelzstiefeln von den Beinen, in denen ich aussehe wie ein Lappländer, und gieb mir meine leichten Hausschuhe dafür.«

Lisette that wie ihr befohlen, indem sie vor Eugenien niederkniete, und diese ergötzte sich damit, jeden der geschmäheten Pelzstiefeln mit dem Fuße über Lisettens Kopf hinweg in die entgegengesetzte Ecke zu schleudern, wobei sie kindisch lachte und jubelte.

Ich stand ganz verblüfft neben diesem sonderbaren Wesen, das so ganz anders war, als ich dachte. Hochmüthig und doch dabei herzlich, despotisch und zugleich kindlich, und vor allem so unbegreiflich sicher und ungenirt, als ob sie schon hundert Jahre lang bei Tante Ulrike heimisch sei, es war für mich etwas Unerhörtes. Die Tante schien aber das sonderbare Betragen des neuen Ankömmlings gar nicht zu beachten, denn als sie ihre Sachen abgelegt, setzte sie sich behaglich in die Sophaecke, und sagte heiter: »Nun Gretchen, ich hoffe, du hast uns eine gute Tasse Kaffee bereitet, sie soll uns wohl thun. Eile dich, Eugenie, sonst lasse ich dir gar nichts übrig.«

»Kaffee? Behüte der Himmel, den trinke ich nie!« rief Eugenie, ihren reizenden braunen Lockenkopf schüttelnd, und zog ein Paar hellblaue, weich gefütterte Pantöffelchen an ihre wunderniedlichen kleinen Füße. »Kaffee, ein nichtswürdiges Getränk, puh! Verdirbt den Teint und macht Hitzflecke.«

»Aber was genießt du denn statt des Kaffee's, Kind?« fragte die Tante.

»Des Morgens Chocolade, Nachmittags gar nichts oder Thee!« entgegnete Eugenie leichthin, indem sie sich in Tantchens behaglichen Lehnstuhl streckte und mit den hellblauen Füßchen in der Luft auf und nieder wippte.

Ich wurde ganz roth vor Ueberraschung, als Eugenie sich so mir nichts dir nichts in Tantchens Stuhl setzte, von dem mich stets eine heilige Scheu zurückgehalten hatte; aber dergleichen Gefühle durfte ich freilich bei dieser kleinen Prinzessin nicht voraussetzen, ihr schien das Beste eben gut genug für ihre Bedürfnisse. Die Tante ließ sie auch ruhig gewähren und wandte sich zu mir, indem sie mich bat, etwas Thee für Eugenie zurecht zu machen, da dieser ein warmes Getränk gut thun würde. Eugenie sagte nichts dagegen, und so that ich, wie die Tante mir geheißen.

Das junge Mädchen hatte indessen eine kleine Bürste aus der Tasche gezogen, und putzte damit die fabelhaft langen Fingernägel ihrer zierlichen weißen Hände, ganz als sei sie allein im Zimmer, und achtete gar nicht mehr auf ihre Umgebung. Dann sprang sie vom Stuhle auf, ringelte ihre braunen Locken vor dem Spiegel und ging bald im Zimmer, bald in Tantchens Boudoir umher, indem sie alle Bilder, Kunstwerke, Bücher und dergleichen Sachen flüchtig betrachtete.