Meine eigensinnige Cousine sagte nichts, saß aber bitterböse im Lehnstuhl und trommelte mit den hellblauen Pantöffelchen auf dem Teppich.

»Gretchen,« rief sie endlich, den Kopf zurück werfend, »bist du hier auch im Correctionshause?«

»Aber Eugenie!« sagte ich bebend; weiter war ich keines Wortes mächtig.

Eugenie erwartete auch gar keine Antwort, sondern schnippte mit den Fingern in der Luft und fing an ein Liedchen zu trällern. Die Tante ging still nach ihrem Boudoir und machte die Thür hinter sich zu, und wir Beiden waren nun allein. Mir waren die Thränen in das Auge getreten, denn offenbar hatte die böse Eugenie Tante Ulriken weh gethan, und vorwurfsvoll sagte ich deshalb:

»Aber liebe Eugenie, wie konntest du die Tante so kränken!«

Eugenie trällerte weiter und gab mir keine Antwort.

»Du glaubst gar nicht, wie gut die Tante ist, liebe Cousine. Du solltest wirklich artiger gegen sie sein, sie verdient so sehr deine Liebe und Achtung!« fuhr ich wärmer werdend fort. »Du kennst sie gewiß noch nicht; aber ich bin schon so lange hier, daß ich ihren großen Werth und ihre hohen Verdienste unendlich lieben und schätzen gelernt habe. Sie meint es so gut mit jedermann!«

Jetzt wurde ich von einem gewaltsamen Gähnen unterbrochen, welches Eugenie hervorstieß, indem sie sich beide Ohren zuhielt.

»Du himmlische Güte, seid ihr hier langweilige Philister!« rief sie sich im Stuhle zurück werfend. »O sancta simplicitas, wie wird's mir armen Heidin unter diesen Heiligen ergehen!«

Sie machte ein so komisches Gesicht, und sah so schelmisch dabei aus, daß ich mir trotz meiner ernsten Stimmung das Lachen verbeißen mußte.