»Du bist zu heftig, Eugenie, so geht es nicht!« sagte ich, vorsichtig die Schnüre entwirrend, aus denen sie einen wahrhaft gordischen Knoten geschürzt hatte.

»Da nimm es, ich mache alles dumm!« rief sie stürmisch, aber nun stand sie ungeduldig neben mir und ließ mir kaum Zeit und Raum, die Arbeit zu beenden. Endlich fiel das letzte Papier, und mit einem lautem Jubelschrei umfaßte Eugenie das Bild des Vaters mit beiden Armen, drückte es heftig an ihre Brust und bedeckte es dann mit tausend Küssen, wobei ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten.

»Väterchen! Mein einzig liebes Väterchen!« rief sie mit zärtlicher Stimme. »Nun hab ich dich ja doch, wenn du auch weit fort von deiner armen lustigen Jenny bist und gar nichts mehr von ihr wissen magst, du böser, böser, lieber Papa!«

Es war wirklich ein unbeschreiblich rührender Anblick, das wunderliebliche Mädchen mit so kindischer Zärtlichkeit das Bild des würdigen Mannes liebkosen zu sehen, und aller Groll, den sie mir bis jetzt durch ihr wunderliches Betragen erregt hatte, schwand beim Anblick dieser Scene. Sie hatte das beste, liebevollste Herz, das zeigte sich nur zu deutlich, aber unter wie viel Schlacken ruhten diese Goldkörner! Schweigend stand ich neben Tante Ulrike, welche ebenfalls tief bewegt nach Eugenien hinblickte, und auch ihr Auge schimmerte in Thränen, sei es vom Anblick des geliebten Schwagers, sei es über die Bewegung ihrer wunderlichen Nichte. Sie trat näher zu Eugenien heran, und indem sie sich tiefer auf das Bild neigte, zog sie das liebe Kind innig an ihr Herz und hielt sie lange schweigend umfangen. Eugenie weinte still am Halse der treuen Tante, und ihr guter Genius schloß einen Bund mit dem besten Herzen, das über ihr wachte.

Aber sich lange der Wehmuth zu überlassen, das war denn doch nicht die Sache unserer Eugenie. Plötzlich raffte sie sich empor, schüttelte die wirren Locken aus der Stirn, trocknete sich die Augen, und rief wieder muthwillig: »Das ist eine schöne Geschichte! Hat der böse Papa mich doch wahrhaftig wieder zum Weinen gebracht, und ich hatte es doch verschworen, seit sein Reisewagen um die Ecke bog. Geschwind an den Nagel mit dem Sünder, der mich zu solch weichgebackenem Seelchen umgewandelt hat.«

Dabei sprang sie auf einen der schwellenden Polsterstühle, und hing mit kräftiger Hand das prachtvolle Oelbild an den Nagel. Dann nickte sie demselben schelmisch zu, küßte es noch einmal herzlich und sprang wieder herab, leicht und lustig wie ein Vogel von dem Zweige.

Der Abend verging ganz gemüthlich mit Auspacken, Einrichten, Erzählen und Plaudern, und Eugenie war bis zum Schlafengehen so liebenswürdig und artig, sprach so viel Gescheidtes und Geistvolles zwischen allerlei Wunderlichem und Barockem, daß man ihr eine geheime Bewunderung nicht versagen konnte. Beim Schlafengehen küßte sie mich herzlich und sagte, ich sei doch eine kleine Hexe, dann hüpfte sie trällernd ihrer voranleuchtenden Jungfer nach, und noch eine ganze Weile hörten wir ihr lustiges Plaudern und Lachen.

Als wir allein waren, strich mir Tante Ulrike freundlich über das Haar, wie sie immer that, wenn sie mit mir zufrieden war; dann zog sie sich noch für ein Stündchen in ihr Zimmer zurück, während ich mein Lager suchte; aber lange noch scheuchten die Gedanken über unsere neue Hausgenossin den Schlaf von meinen Augen, bis endlich der freundliche Traumgott auch meine Sinne mit holden Bildern umgaukelte.

10.
Eugenie.

Als ich am andern Morgen erwachte, traf mein erster Blick Tante Ulriken, welche vor meinem Bette stand und die Langschläferin wohl schon eine geraume Weile angeschaut hatte, denn sie nickte mir freundlich zu und sagte: »Wie schön du geschlafen hast, kleine Grete, ich mochte dich wahrlich nicht stören, obwohl es schon spät ist. Du schienst sehr angenehm zu träumen, denn du lachtest so eben wie ein Kind im Schlafe.«