»Mir träumte von unserer neuen Hausgenossin, Tantchen,« sagte ich, mich im Bett empor setzend. »Sie machte eben einen recht lustigen Streich: denn unserm guten alten Pudel hatte sie ihren feinen Spitzenkragen umgebunden, und die hellblauen Pantöffelchen an die Füße gezogen. Eben wollte sie ihm noch einen Schleier überwerfen, dann sei das Fräulein fertig, wie sie sagte, da erwachte ich. Wie kann man nur so dummes Zeug träumen!«

»Nun unsere übermüthige Eugenie wäre solcher Streiche wohl fähig,« lachte die Tante.

»Jetzt will ich aber aufstehen, denn sonst überrascht sie mich gar noch im Bett, sie ist vielleicht an frühes Aufstehen gewöhnt,« sagte ich eifrig und griff nach meinen Kleidern, um mich geschwind fertig zu machen.

»O,« sagte die Tante, indem sie sich auf mein Bett setzte, »da brauchst du dich nicht sehr zu beeilen, Eugenie liegt wie du noch in den Federn, ich war eben in ihrem Zimmer. Sie schlief zwar nicht mehr, sondern lag mit offenen Augen im Bett und schien gelesen zu haben, zum Aufstehen aber hatte sie noch keine Lust. Sie ist eben ein verwöhntes Kind, das thut was ihm beliebt. Für's erste muß ich sie schon ruhig bei ihren Launen lassen, so schwer es mir wird, ich rechne auf ihren richtigen Verstand und ihr gutes Herz, welche sie mit der Zeit wohl auf bessern Weg bringen werden. Dein Beispiel, mein Gretchen, soll mich in der Erziehung Eugeniens unterstützen; denn im Umgange mit dir, mein gutes Kind, wird sie bald einsehen, wer von euch Beiden auf dem richtigsten Wege ist, ein brauchbarer Mensch zu werden.«

»Mein Beispiel, Tantchen?« rief ich verwundert. »Wie kann ich armes, ungeschicktes Bauermädchen ein Beispiel für die elegante, feingebildete Eugenie sein? Das sagst du wohl nicht im Ernste!«

»Doch, mein liebes Kind,« entgegnete die Tante liebevoll, »du bist ein natürlich einfaches Mädchen, das zwar noch wenig feine gesellschaftliche Bildung besitzt und gar mancherlei Dinge noch lernen muß, ehe ihre Erziehung vollendet ist; aber dein bescheidener Sinn und dein einfach sittiges Wesen können der hochfahrenden Eugenie trotz all' ihrer feinen Bildung und ihrer äußeren Eleganz gar wohl zeigen, was ihr fehlt, und wer von euch Beiden einen größeren inneren Werth besitzt. Eugenien fehlt bei all' ihrer äußeren Vollendung doch die recht eigentliche Bildung, ich meine die Bildung des Herzens, und diese, hoffe ich, wird sie hier bei uns mit der Zeit erhalten. Das arme Kind hatte bis jetzt leider wenig Gelegenheit, sich hierin zu vervollkommnen, möchte es noch nicht zu spät sein, und möchten wir diesem reichbegabten Wesen geben können, was ihm noch so sehr fehlt.«

Die Tante zog mich liebevoll an ihr Herz, während ich stumm und demüthig mein erglühendes Gesicht an ihrer Schulter barg. Ach ich war unsäglich glücklich über die Worte der geliebten Tante! Wohl oft schon hatte sie mir durch einige zufriedene Aeußerungen oder Blicke gezeigt, daß sie nicht unzufrieden mit mir war, und daß ich trotz meiner vielen Thorheiten dennoch ihre Liebe und ihr Vertrauen besaß, aber so viel Lob war mir noch nie von ihr zu Theil geworden. Fast hätte ich stolz und eitel davon werden können, aber die Tante kannte mich genug, um zu wissen, daß ihre Worte bei mir diese Folgen nicht haben würden; denn ich fühlte gar wohl, wie sie mich durch ihr Lob nur etwas sicherer und selbstbewußter Eugenien gegenüber machen wollte, bei welcher meine ängstliche Bescheidenheit durchaus nicht angebracht war. Offenherzig gestand ich der Tante diesen Gedanken, und ihr feines Lächeln bestätigte meine Vermuthung.

»Du bist ein kleiner Schalk, Gretchen,« sagte sie heiter. »So ganz fehlgeschossen hast du freilich nicht; denn ich kann nicht leugnen, daß ich allerdings herzlich wünsche, du möchtest dich recht fest in den Sattel setzen, um im Laufe mit Eugenien von ihr nicht herausgeworfen zu werden, was ihren Uebermuth sehr vermehren würde. Aber ich hoffe, es wird schon gehen, wenigstens that Eugenie gestern schon einige Aeußerungen über dich, welche mir zeigten, du habest ihren Capricen tapfer die Stirn geboten. Damit hast du dir schon ein gutes Theil Terrain bei ihr erobert, und das ist mir lieb zu hören.«

Ich erzählte der Tante lachend mein gestriges Gespräch mit Eugenien, das sie sehr ergötzte.

»Ja ja, auf seiner Hut muß man bei dem Blitzmädchen sein,« sagte sie, »denn vergiebt man sich bei ihr erst einmal etwas, so hat man das Spiel verloren. Nun halte dich tapfer; für dich wird aus dem Umgange mit ihr auch gar vielerlei Gutes erwachsen, wenn du es wohl zu nützen verstehst. Aber jetzt eile dich mit deiner Toilette, sonst überrascht dich Eugenie am Ende wirklich noch im tiefsten Negligée.«