Ich kleidete mich mit Tantchens Hülfe schnell an und hatte die Freude, von ihr abermals ein Lob zu erhalten, wie nett und richtig ich jetzt alles machte, was zur Toilette gehört. »Entsinnst du dich noch des ersten Morgens, Gretchen?« fragte sie neckend. »Weißt du noch, wie ich da nicht aufhören konnte zu verbessern und zu reden? Weißt du, wie du mit den nackten Füßen zum Bett heraus fuhrest, und als Hemdenmätzchen an der Erde hocktest? Wie du dich ohne Wasser wuschest und endlich eine ganze Sündfluth um dich her verbreitest?«
»O still, still, Tantchen! Wie sollte ich das vergessen haben?« rief ich, der Tante den Mund zuhaltend. »Damals dachte ich nicht, daß ich es dir je würde recht machen können, das kann ich dir jetzt ehrlich gestehen. Nachgerade aber ist mir nun doch einige Hoffnung gekommen, daß dein dummes Backfischchen noch ein vernünftiger Mensch werden könnte.«
»Die Zeit wird es ja lehren,« sagte die Tante mir zunickend. »Jetzt geh und sieh, ob Eugenie nicht bald kommt, sonst müssen wir ohne sie frühstücken, mein Magen hat wegen meiner kleinen Faulpelze jetzt lange genug gefastet.«
Ich eilte in Eugeniens Zimmer, um die Cousine zum Frühstück abzuholen. Aber wie erstaunte ich, als ich die junge Dame noch im Bett und eben im Begriff fand, ihre Chocolade zu schlürfen, welche Lisette ihr präsentirte.
»Guten Morgen, Gänseblümchen!« rief sie mir fröhlich entgegen und gebot ihrer Jungfer, das Frühstück neben ihr Bett zu stellen. »Was habt ihr für gräuliches Zeug von Chocolade hier im Hause!« fuhr sie, den Mund verziehend, fort. »Das ist ja süßer Mehlbrei für Wickelkinder, pfui! Mama soll mir augenblicklich von unserer Vanillechocolade schicken, hörst du Lisette! Schreib es gleich auf den Bestellzettel. Aber du mein Himmel! Heilige Margarethe, schon fix und fertig in den Kleidern?« rief sie dann, mich verwundert vom Kopf bis zu den Füßen anblickend. »Was hast du denn vor, willst du verreisen, daß du dich so früh schon anziehst?«
»Nein, das thue ich stets, Eugenie!« sagte ich gleichmüthig. »Die Tante sieht es nicht gern, wenn junge Mädchen im Morgenrock umher gehen, weil sie es für Verwöhnung hält.«
»Nun da wird sie sich bei mir wohl daran gewöhnen müssen,« entgegnete Eugenie schnippisch und strich die feine Stickerei ihres Nachtjäckchens am Handgelenk glatt. »Ich bin kein Bürgermädchen, das gleich aus dem Bette auf die Straße muß, meine Bequemlichkeit lasse ich mir nicht stören.«
»Jeder nach seinem Gefallen, liebe Cousine,« erwiederte ich achselzuckend. »Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, allen Wünschen der Tante nachzukommen, und so thue ich auch dies, obwohl auch ich an Morgenrock und Häubchen gewöhnt war. Jetzt finde ich es selbst sehr angenehm, gleich früh fertig zu sein, man gewinnt sehr viel Zeit dabei.«
»Bah, Zeit! Was habe ich davon!« rief Eugenie spöttisch. »Der Tag ist ohnehin lang genug.«
»Ich möchte ihn stets noch einmal so lang haben, die Zeit vergeht mir immer viel zu schnell,« erwiderte ich.