»Du bist eine Närrin, Gänseblümchen,« rief Eugenie ärgerlich. »Aber was willst du eigentlich bei mir, kommst du etwa nur, um mir wieder eine Predigt zu halten? Den Anlauf dazu nimmst du schon wieder.«

»Ich habe das Gespräch nicht angefangen, Eugenie!« sagte ich kurz. »Ich kam nur, dich zum Frühstück zu rufen; da du dasselbe aber für dich allein einzunehmen für gut findest, so habe ich weiter nichts hier zu suchen.«

Dabei wandte ich mich nach der Thür und wollte gehen. Ein schallendes Gelächter Eugeniens traf mein Ohr, und unwillkürlich blickte ich nach ihr zurück.

»Du bist eine kostbare kleine Kratzbürste!« rief sie lustig. »Nun gehst du schnurstracks zu unserer wohllöblichen Tante und berichtest ihr brühwarm, was sich allhier so eben zugetragen, und wie ich der heiligen Margarethe höchsten Zorn erregte. Und dann setzt ihr beiden Tugendexempel euch einander gegenüber und weint heiße Thränen über das räudige Schaf, das unter eure fromme Heerde gekommen.«

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Eugenie!« entgegnete ich, indem ich gegen meinen Willen lachen mußte. Da die Tante mich jedoch erwartete, eilte ich zur Thür hinaus, hinter mir drein aber flog einer der seidenen Pantoffeln, welche das lose Mädchen mir nachsandte.

Die Tante schüttelte den Kopf, als ich ihr von diesem Morgenbesuche erzählte, und wir tranken ziemlich still und ernst unsern Kaffee. Aber noch waren wir nicht damit fertig, so öffnete sich die Thür, und Eugeniens rosiges Gesichtchen schaute zu uns herein.

»Da ist sie doch!« rief ich freudig überrascht und eilte ihr entgegen. Auch die Tante stand auf, der Ankommenden die Hand zu reichen, Eugenie aber schritt feierlich zu uns heran und sagte salbungsvoll:

»Wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!«

Ich erschrak über diesen Frevel, als hätte ich selbst die Sünde begangen, die Tante aber blickte rasch auf, dunkle Gluth färbte ihre Stirn, und finster, wie ich sie noch nie gesehen, schaute sie Eugenien an.

»Unbesonnenes Mädchen!« sprach sie streng, »laß mich nie wieder dergleichen frevelhafte Worte hören! Leichtsinn und Unarten will ich dir verzeihen, aber wer Spott mit dem Heiligsten treiben kann, von dem will ich nichts mehr wissen, für den habe ich nur noch die tiefste Verachtung. Ich hoffe, du siehst ein, wie unverantwortlich du gehandelt und bereust es von Herzen!«