Eugenie stand erschrocken vor der zürnenden Tante und hatte ihre kecke Haltung ganz verloren. Sie faßte sich zwar endlich wieder und wandte sich etwas verlegen zur Seite, aber der tiefe Ernst der Tante ließ jegliche Erwiderung auf ihrer Lippe ersterben, und schweigend setzten wir unser Frühstück weiter fort. Eugenie fühlte sich augenscheinlich dabei höchst unbehaglich, denn bald stand sie auf und machte sich im Zimmer zu schaffen. Endlich öffnete sie den Flügel und ließ die Finger über die Tasten gleiten, ohne rechten Zusammenhang zwar, aber so kunstvoll und meisterhaft, daß ich erstaunt aufhorchte.

»Spiele uns doch etwas, liebes Kind,« sagte Tante Ulrike sanft, und herzlich erfreut, daß sie aus dem Dilemma durch Tante's gütige Anrede erlöst worden, ließ Eugenie nun ihre Finger im raschen Spiele über die Tasten rollen. Es war ein wirklicher Genuß, ihr zuzuhören, denn Anschlag, Geläufigkeit und Vortrag, alles war so vortrefflich, wie ich es selten gehört hatte. Dem Spiel folgte bald auch Gesang, und die reine hohe Sopranstimme sowie der ungemein ansprechende Vortrag Eugeniens entzückten mich von Neuem, und auch der Tante ernstes Gesicht hellte sich mehr und mehr auf. Musik ist der beste Vermittler, Tröster und Helfer in so manch trüber Lage des Lebens, und auch hier halfen uns die Töne über den unangenehmen Zustand hinweg, in den Eugeniens Thorheit uns versetzt hatte; denn als sie vom Klavier aufstand, reichte ihr die Tante freundlich die Hand und lobte ihre treffliche musikalische Ausbildung.

»Du mußt meine Lehrer loben, nicht mich, Tantchen!« rief Eugenie, sich nachlässig auf das Sopha werfend. »Sie haben mich genug damit gequält, mehr als all' die Lappalie werth ist.«

»Nun du solltest es ihnen danken, denn du bist durch diese Mühe in den Besitz schöner Talente gelangt,« entgegnete die Tante. Eugenie beantwortete diese Ermahnung aber in ihrer bekannten liebenswürdigen Weise, indem sie den Mund zum Gähnen öffnete, und leise seufzend ging die Tante an ihr vorüber.

Einige Zeit nachher kehrte ich mit dem Ausgabebuche der Köchin aus der Küche in das Wohnzimmer zurück und trug vorsichtig eine Menge kleiner Münzen, welche ich eingewechselt, auf dem Umschlage des Buches. Eugenie ging trällernd an mir vorüber, und ehe ich wußte, wie mir geschah, schlug sie mir Geld und Buch aus den Händen, daß die Münzen rings im Zimmer umher flogen. Wie ein tolles Kind lachte sie dann über ihren muthwilligen Streich, während ich bestürzt niederkniete, die vielen kleinen Geldstücke mühsam aufzulesen.

Aber da trat die Tante, welche alles aus ihrem Cabinet mit angesehen, zu uns heran, gebot mir aufzustehen, Eugenien aber, selbst aufzusuchen, was sie hingeworfen. Eugenie blickte betroffen auf, dann warf sie den Kopf in den Nacken, öffnete die Thür und rief ihre Kammerjungfer herbei.

»Lies die Münzen auf, Lisette!« befahl sie dem eintretenden Mädchen, und schon kniete dieses am Boden, da sagte Tante Ulrike:

»Lisette, geh nur, es ist schon gut.«

Dann aber, als das Mädchen das Zimmer verlassen, gebot sie Eugenien ruhig aber sehr ernst, selbst ihren stolzen Rücken zu beugen und wieder zu verbessern, was sie Thörichtes gethan.

Eugenie wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte; aber der stille Ernst der Tante imponirte ihr doch gewaltig, und ohne eine Erwiderung begann sie das mühsame Werk. Unter Stöhnen und Schelten kroch sie am Boden umher, kaum aber hatte sie eine Hand voll Münzen aufgesammelt, so warf sie mir dieselben voll Ingrimm wieder an den Kopf, und so würde sie nimmermehr zu Ende gekommen sein, hätte ich mich ihrer nicht endlich dennoch erbarmt und ihr beigestanden.