»Ach meine Füße, meine Glieder!« rief sie nun, als wir fertig waren. »Ich bin wie gerädert, es ist mein Tod!« Ich ließ sie ruhig klagen und ging meinen häuslichen Geschäften nach. Als ich wieder zurück kehrte, fand ich sie nicht mehr, und da ich glaubte, sie werde wohl Toilette machen, ging ich nach ihrem Zimmer, ihr zu helfen. Aber wie erschrak ich, sie hier im Bett zu finden. Als sie mich sah, überhäufte sie mich mit Scheltworten und Klagen, sagte, sie werde hier behandelt wie ein Sträfling, und es werde sicher ihr Tod sein, sie fühle sich jetzt schon völlig krank und elend.

Bestürzt eilte ich zu Tante Ulrike, dieser den Zustand Eugeniens mitzutheilen, die Tante aber lächelte über meine Sorgen und sagte ruhig: »Laß nur Kind, Eugenie wird schon wieder gesund werden, aber geh nicht zu ihr, wir müssen sie sich selbst überlassen.« Dann ergriff sie ein Buch und begann unsere tägliche Lektüre, und Lessings geistvolle Worte, die sie mir vorlas, führten meine Gedanken bald in andere schönere Regionen.

Meine Freundin Marie unterbrach nach einiger Zeit unsere Beschäftigung, um sich nach dem neuen Ankömmling zu erkundigen. Da Eugenie aber noch immer nicht sichtbar war, so hatten wir Zeit genug, lange allein mit einander zu schwatzen.

Schon nahte die Mittagstunde, und Marie wollte wieder gehen, da erschien plötzlich Eugenie in der Thür, höchst zierlich angekleidet und stolz und vornehm in Miene und Haltung. Ich stellte ihr meine Freundin vor und fragte nach ihrem Befinden, sie aber lehnte sich matt in den Sessel, nickte Marien kalt einen Gruß zu und schien uns dann nicht weiter zu beachten. Marie entfernte sich bald und war außer sich über Eugeniens Art und Weise, ich suchte sie indeß zu entschuldigen; aber meine Versicherung, daß sie unendlich liebenswürdig sein könne, fand bei meiner feinfühlenden kleinen Freundin durchaus keinen Glauben.

Ich setzte mich still an meine Arbeit, während meine Cousine wieder nachlässig auf dem Sopha ruhte. Ihr helles Lachen überraschte mich aber bald darauf, so daß ich verwundert aufblickte.

»Ist sie immer so blau und so blond?« rief Eugenie lustig.

»Wen meinst du denn?«

»Nun deinen Castor, mein Pollux!«

»Ja, blond ist sie immer, wie ich immer schwarz bin. Und blau trägt sie viel, ich liebe das gerade an ihr. Wie gefällt sie dir denn, Eugenie!«

»Wie einem solch' Butterschäfchen gefallen kann! Es fehlt nur Todtenkopf und Bibel, und die büßende Magdalena ist fertig.«