»Ja siehst du nun wohl, wozu es gut ist, zeitig aufzustehen und sich gleich anzuziehen? Auf dem Sopha kann ich freilich auch nicht immer liegen, wenn etwas fertig werden soll.«
»Hexe, die du bist!« schmollte Eugenie, und spielte Ball mit meinen aufgerollten Strümpfen.
»Wie geht es dir denn eigentlich, Eugenie,« fragte ich nun theilnehmend, »bist du denn wieder ganz wohl!«
»Das kann dir ganz einerlei sein, da du nicht früher danach gefragt hast,« sagte sie trotzig. »Ich glaube, ich könnte sterben und verderben, ehe sich jemand von euch um mich bekümmerte.«
Ich mußte still vor mich hin lächeln und sah wohl ein, das beste Mittel sie zu kuriren sei, wie Tante meinte, ihre Krankheit gar nicht zu beachten, wer weiß, wie lange sie noch stöhnend im Bette geblieben wäre, hätten wir uns ängstlich und sorgenvoll um sie bemüht.
Am Nachmittag machte die Tante einige Besuche mit uns, um ihren Freunden ihr zweites Pflegekind vorzustellen. Ach welch' ein Unterschied war in Eugeniens Erscheinen bei ihrem ersten Besuche im Vergleiche mit dem meinigen damals! Unwillkürlich sah ich mich armes, hölzernes Mädel, dem Angst und Ungeschick die Röthe der Scham und Verlegenheit auf die Wangen jagte, neben der feinen, eleganten, anmuthigen Eugenie. Wie unendlich liebenswürdig konnte dies Mädchen sein, wenn sie wollte! Und den Fremden gegenüber wollte sie fast immer, deshalb gewann sie bald Aller Herzen, und niemand ahnte, wie schwere Stunden dieses verzogene, launische Kind den Ihren zu Hause bereiten konnte. Auch Marie söhnte sich etwas mit Eugenien aus, da sie am Nachmittage ganz ausgetauscht schien, und freundlich und gesprächig war, wie gewöhnlich.
Sehr ergötzlich fiel der Besuch bei Geh. Rath Delius aus. Amanda schwebte wieder in ihrer bekannten affectirten Weise durch das Zimmer und machte es sich im Lehnstuhle bequem, indem sie bald das Flacon, bald den Fächer oder das Taschentuch handhabte; mich ignorirte sie natürlich gänzlich, aber auch Eugenien behandelte sie so von oben herab, daß mir ganz bange wurde.
Zu meiner Verwunderung schien dies Betragen Eugenien gar nicht zu verletzen. Sie beobachtete Amanda ziemlich still eine Weile, und ich sah es um ihre Lippen zucken wie lauter Lust und Muthwillen. Leise lehnte auch sie sich in ihren Lehnstuhl zurück, noch viel bequemer als Amanda, zog rasch einen Fußschemel herbei, nach dem jene so eben greifen wollte, setzte ebenfalls Riechfläschchen und Taschentuch in Bewegung und sprach noch viel matter und blasirter als ihre Gegnerin. Und das alles war so wenig gemacht, schien so ganz eigene Natur zu sein, daß ich staunend die sonst so frische Eugenie betrachtete.
Amanda wußte augenscheinlich auch nicht, was sie dazu sagen sollte, unwillkürlich erhob sie sich etwas aus ihrer bequemen Lage, suchte ein ordentliches Gespräch anzuknüpfen und zierte sich weniger. Eugenie aber ließ sich nicht stören, gab zwar Antworten, aber ganz in Amanda's bisheriger Art und Weise, und wandte sich viel mehr zu mir armen Dinge, als zu der eleganten Tochter des Hauses. Als jedoch die Geheimräthin selbst mit Eugenien ein Gespräch begann, betrug sie sich wieder so liebenswürdig und fein, wie es stets ihre Art war. Wirklich setzte es Eugenie in dieser Weise mit der Zeit durch, daß Amanda ihr abgeschmacktes Wesen ihr gegenüber aufgab und natürlicher sprach und sich bewegte, und wie sie, so stimmte auch Eugenie ihren natürlicheren Ton wieder an, so daß diese beiden eigenthümlichen Mädchen recht gut mit einander fertig wurden.