Aber siehe, da öffnete sich die Thür, und herein schwebte eine Fee – so wenigstens dachte ich im ersten Augenblicke, bis ich unsere schöne Eugenie erkannte. Von zartem rosa Flor umwebt, der mit frischen weißen Camellien über einem rosa Seidenkleide festgehalten wurde, einen Kranz weißer Camellien, zwischen denen einzelne Diamanten blitzten, in den braunen Locken, so schwebte die schlanke, zierliche Gestalt zu uns herein, und ich war ganz bezaubert von ihrer Schönheit.

»Ah, da ist ja unser Gänseblümchen, gerade als wäre es frisch von der Wiese gepflückt, weiße Blätter mit röthlichen Spitzen,« rief sie auf mich zueilend. »Wie sie niedlich ist, wahrhaftig, du wirst allen Schmetterlingen die Köpfe verdrehen!«

Lachend gab sie mir mit ihrem kostbaren Fächer einen Schlag auf die Schulter, dann warf sie ein Packet neuer Handschuhe auf den Tisch und fing an, darin zu wühlen und Paar um Paar anzuprobiren. Aber lange dauerte es, ehe sie zufrieden schien, und in ihrer Ungeduld zog sie so heftig an dem feinen weißen Leder herum, daß sie mehr als ein Paar zerrissen zur Seite warf.

Ich sah ihr staunend zu, denn das Paar Handschuhe, das die Tante mir für den Ball gekauft, lag sorgfältig gehütet neben dem feinen Taschentuche und wartete nur darauf, noch viel sorgfältiger über meine Finger gestreift zu werden; sie zu zerreißen war mir ein schrecklicher Gedanke, – ich hatte keinen zweiten Pfeil zu verschießen! Als ich Eugenien meine Gedanken sagte, lachte sie mich aus und schob mir das Packet zur Auswahl hin, denn daß man auch mit solchen Kleinigkeiten ökonomisch sein könne, war ihr eben so neu als unbegreiflich.

Endlich trug denn ein schaukelnder Wagen Tante Ulrike und ihre beiden Pflegekinder nach dem Ziele der Erwartungen. Ich klammerte mich fest an die Hand der Tante, als die Thüren des Ballsaales aufflogen, und wie ein Meer wogten die luftigen hellen Stoffe der Balldamen um mich her. Alles Ballfieber, das ich bis dahin kräftig zurück gedrängt, kam jetzt wieder über mich, und als gar einige strahlende, duftige junge Damen aus unserer Bekanntschaft auf uns zuschritten, wäre ich der Tante am liebsten in die Tasche gekrochen.

Doch o Wonne! jetzt erschloß sich der Himmel, denn in die Farbe des Aethers gehüllt, einen Kranz weißer Rosen in den blonden Locken, flog meine Freundin Marie auf mich zu, und an ihrer Hand athmete ich froh auf, nun war ich geborgen! Die ersten Töne der Tanzmusik brachten zwar wieder einiges Zittern in meine Glieder, aber bald hatte ich auch das überwunden, und die Wonne des Tanzes verdrängte alle anderen Gefühle.

Fröhlich musterte ich meine Tanzkarte, auf welcher ich alle Tänze als vergeben bezeichnen konnte, und so hatte ich doch nicht die traurige Aussicht, als Mauerblümchen an der Wand sitzen zu müssen, während alles um mich her tanzte. Ich begriff bald selbst nicht, welches Entzücken mich beseelte, während mich die Wellen des Tanzes dahin trugen; es war unbeschreiblich angenehm, sich nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen, ich tanzte mit wahrer Wonne.

»O du liebe sechzehnjährige Unschuld,« lachte Eugenie mir zu, als ich während einer Pause mit glühenden Wangen zu ihr eilte und ihr mein Entzücken aussprach. »Wahrlich, ich könnte dich beneiden! Das tanzt noch mit voller Seele, während unsereins froh ist, in einer Pause sich verschnaufen zu können.«

Eugenie war die schönste der Damen, das stand außer Frage, sowohl was ihr Aeußeres, als was ihren Anzug betraf. Der Ballsaal war so recht der Ort, ihre Schönheit und Anmuth im vollen Glanze zu zeigen, und ich fand es nur zu begreiflich, daß sie stets von einer Menge junger Herren umlagert war, welche sich darum stritten, ihr die größten Huldigungen zu erweisen. Mir wäre an ihrer Stelle angst und bange geworden, Eugenien schien aber alles das sehr gleichgültig zu sein, denn mit Erstaunen bemerkte ich mehrmals, wie sie all' ihren Verehrern den Rücken kehrte und mit irgend einer der älteren Damen davon ging.

»Ja, sie ist einzig, dieses Mädchen,« sagte Marie. »Mein Bruder macht ihr wie alle Herren den Hof; aber entweder giebt sie ihren Verehrern spitze Antworten und entschlüpft ihnen wie ein Aal der Hand, oder sie spottet und lacht und kehrt ihnen den Rücken. Louise von Mering hat mir eben eine köstliche Geschichte von ihr erzählt, die auch dich ergötzen wird, Gretchen, höre nur! Der Lieutenant Schmettau, den alle Welt wegen seiner Albernheiten verlacht, steht neben Eugenien und sagt derselben so fade Schmeicheleien, daß Eugenie ungeduldig auf ihren Fächer beißt und ihre Blicke zerstreut im Saale umher schweifen läßt. Endlich blickt sie aufmerksam nach jener Nische, in welcher wir Beiden stehen, du und ich, und seelenvergnügt zusammen lachen und schwatzen. Eugenie lächelt auch unwillkürlich, und ihr süßer Galan hält es für seine Pflicht, ebenfalls zu lächeln und nach uns zu schauen. Eugenie wendet ihm ärgerlich den Rücken, und indem sie sich zu Louise Mering neigt, sagt sie auf uns deutend ziemlich leise: »Sehen sie doch, Louise, die Veilchen kichern und kosen!«