Dich mag ich nicht!«
»'s ist doch ein nettes Lied, nicht wahr, Gänseblümchen?« fuhr sie munter fort und setzte sich im Bette in die Höhe. »So tiefsinnig, läßt sich so leicht verändern und auf andere Dinge anwenden. Ja, so ein Lieutenant, es ist eine Pracht! Was für eine Fülle von Geist und Humor hinter solchem zweifarbigen Tuche steckt, man sollte es nimmermehr glauben.«
»Aber Alle sind sie ja doch nicht so, Eugenie,« sagte ich etwas versöhnt, denn sie hatte mich sicher nur wieder necken wollen. »Ich habe doch einige sehr angenehme junge Officiere kennen gelernt, fade Gecken giebt es auch unter anderen jungen Leuten genug.«
»Ich glaubte, du wärest mehr für den Lehr- als für den Wehrstand eingenommen, Kleine,« rief Eugenie blinzelnd. »Dein Ballorden stand dem hübschen Dr. Hausmann allerliebst.«
Mir schoß das Blut in die Wangen, also hatte Eugenie doch gesehen, wem ich meinen Orden gegeben! »Er hatte soviel mit mir getanzt, dafür mußte ich mich doch erkenntlich zeigen,« sagte ich etwas verwirrt.
Eugeniens schallendes Gelächter riß mich aus der verlegenen Situation, denn sie fand es über alle Maßen naiv und spaßhaft, einen Tänzer für die Gnade noch zu belohnen, die man ihm erwiesen, indem man mit ihm tanzte. Sie hatte eben eine so andere Auffassung von allen Dingen, daß ich manchmal ganz verdutzt vor ihr stand. Mit meiner lieben Marie harmonirte ich doch viel besser; sie blickte auch noch, wie ich, demüthig und schüchtern in die Welt hinein; Eugenie war über dergleichen »grüne Albernheiten«, wie sie unsere jugendlichen Ansichten nannte, hinweg, sie forderte viel, und die Natur hatte ihr reiche Mittel gegeben, wodurch sie auch viel erlangte. Aber für mich bescheidenes Backfischchen paßten auch bescheidene Ansprüche an Welt und Menschen, und darum ließ ich mich durch Eugenie nicht irre machen.
Ich hatte mich zwar sehr über Eugeniens Spötterei, meinen Anstand beim Tanzen betreffend, geärgert; aber ich schluckte meine Aufregung hinunter, denn ich wußte, sie meinte es im Grunde sehr gut mit mir, und sagte: »Im Ernste, Eugenie, jetzt gesteh' mir, tanze ich wirklich so schlecht?«
»Nun die Grazie liegt freilich bei dir noch in den Windeln, Kleine,« lachte Eugenie jetzt gutherzig. »Aber beruhige dich nur, selbst Tante Anstand war mit dir und deinem Anstand zufrieden, also raufe dir deine schwarzen Zöpfe noch nicht vor Verzweiflung aus. Aber in die Schule möchte ich dich noch ein Bischen nehmen, das kann dir nicht schaden, dich sowohl wie deine kleine Marie; denn was diese zu viel hinten über tanzt, das neigst du zu viel nach vorn, so daß eure Oberkörper einen richtigen spitzen Winkel bildeten, tanztet ihr neben einander. Und dann macht ihr alle Beide noch so himmlisch schulrechte Pas, gerade als stände Mr. le professeur de danse hinter euch und klopfte euch für jede Nachlässigkeit mit seinem Fidelbogen auf die Fußzehen.«
Mit Freuden unterwarf ich mich den Uebungen, die Eugenie noch an demselben Morgen mit meinen Füßen und Händen vornahm, und voll Jubel wurde auch Marie in Beschlag genommen, als sie kam, von dem gestrigen Balle mit uns zu schwatzen. Freilich war Eugenie eine sonderbare Lehrmeisterin, da sie endlosen Unfug bei unseren Uebungen trieb; aber doch lernten wir, was sie wünschte, nämlich uns etwas sorgloser zu bewegen und uns beim Tanzen hübsch gerade zu halten. Auch ein gutes Compliment zu machen brachte sie mir glücklich bei, und Tante Ulrike fügte dem allen noch die Lehre hinzu, den Gästen möglichst wenig unsere Rücken zukehren zu wollen, besonders solchen, denen wir als den Vornehmsten oder Bedeutendsten die meiste Beachtung und Höflichkeit schulden. Dies zu beachten habe ich aber, ehrlich gestanden, bis auf den heutigen Tag noch immer äußerst schwierig gefunden.