Diesem ersten Balle folgten im Laufe des Winters noch mehrere andere, so daß ich nach und nach meine Schüchternheit überwand, und die Tante mir das Lob ertheilte, mein Benehmen sei freier und leichter, als sie je erwartet habe. Neben Eugenien freilich kam ich mir noch immer wie eine Holzpuppe vor, doch ihre Anmuth war eben unerreichbar.
Ehe ich jedoch von unserem Zusammenleben weiter erzähle, muß ich eines Ereignisses gedenken, das in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, so wenig es anfangs den Anschein hatte.
In das Haus Tante Ulrike's kam häufig ein armes Weib, das Eier, Gemüse oder Obst verkaufte, welche Produkte ihr kleines ländliches Besitzthum lieferte, und die von der Tante gut bezahlt wurden. Das arme Weib war aber krank geworden, und da die Tante sich selbst gern einmal überzeugen wollte, wie es bei ihr aussah, so benutzte sie einen der schönen Tage des Spätherbstes und fuhr mit uns nach dem Dorfe, in welchem die Frau wohnte. Es war alles wie uns beschrieben worden, Noth und Sorge in Menge, und die gute Tante machte sich mit den Kindern gleich allerlei zu schaffen, uns aber trieb sie hinaus, wohl wissend, daß Eugenie nicht lange hier aushalten würde.
So gingen wir Beiden denn auf den Wiesen und Feldern spazieren und freuten uns der einzelnen Blumen, welche der Frost noch nicht gewelkt hatte, sowie der wunderschönen duftig blauen Färbung, die Wald und Ferne bedeckte.
Am Saum des Waldes erblickten wir ein schönes, schloßartiges Gebäude, von stattlichen Wirthschaftsräumen umgeben, und um diesen Herrenhof genauer zu betrachten, schritten wir über eine Wiese, auf der eine Menge Kühe die letzten Reste an Gras und Kräutern abweideten. Ich hatte mich von Kind auf so viel unter den Thieren umher getrieben, daß ich keine Furcht vor ihnen kannte, Eugenie aber blickte sich ängstlich um, so daß heute einmal die Neckerei auf meiner Seite war. Plötzlich aber wurde auch ich aufmerksam, denn ein dumpfes Brummen sagte mir, daß der Stier bei der Heerde sei, und daß mit dem nicht zu spaßen, wußte ich wohl. Ich spähte nach dem Hirten, doch dieser war nirgends zu erblicken, und so ging ich schnell vorwärts, Eugenien nichts von meiner Besorgniß zu verrathen, denn von Weitem sah ich den gefürchteten Gesellen mit gesenktem Haupte sich uns nähern. Aber jetzt bemerkte auch Eugenie den Feind und erschrocken rief sie: »Der Stier! Der Stier!« und stürzte unaufhaltsam davon. Nun erst sah ich, daß ein rothes Tuch Eugeniens das Thier wahrscheinlich gereizt hatte, aber ich konnte sie nicht mehr erreichen und eilte ihr athemlos nach. Jetzt aber setzte sich auch unser Verfolger in Trab, und bald war er Eugenien so nah, daß diese voll Verzweiflung um Hülfe rief, und ich angstvoll zu ihrem Beistande hinzustürzte, obwohl ich wußte, daß meine Kräfte doch zu schwach waren, ihr zu helfen.
Da im letzten schrecklichsten Augenblicke, als das furchtbare Thier schon den Kopf neigt, um Eugenien mit seinen Hörnern zu fassen, trifft ein furchtbarer Schlag seine breite Stirn, so daß es betäubt zur Seite fährt. Taumelnd schlägt es seine Hörner so wüthend in einen dicken Baumstumpf, daß es wie gefesselt zusammenbricht und sich laut brüllend am Boden wälzt.
Eine hohe männliche Gestalt eilte nun von dem machtlosen Thiere fort zu Eugenie, welche kraftlos zur Erde sank, sobald sie sich von ihrem wüthenden Verfolger befreit sah. Auch ich war endlich an ihrer Seite und umschlang sie mit meinen beiden Armen, da Angst und Schrecken ihr alle Kraft geraubt hatten. Dankend blickte ich nun auf zu dem Retter, der im letzten Augenblicke uns so kräftig befreit hatte; aber schnell war derselbe, sobald er Eugenien durch mich versorgt sah, zu dem Stiere zurückgekehrt, dem er mit Hülfe des jetzt herbeikommenden Hirten die Hörner aus dem Blocke frei machte, und ihm den Kopf mit einem der Vorderfüße zusammenband, so daß er keinen Schaden mehr thun konnte.
Jetzt kam unser Befreier wieder auf uns zu, aber wie groß war meine Ueberraschung, als ich in ihm Baron Senft erkannte! Ich wurde blutroth und wußte vor Verlegenheit kaum einige Dankesworte hervorzubringen, und auch er war sichtlich überrascht und betroffen. Eugenie jedoch, welche sich schnell wieder erholt hatte, befreite uns aus der peinlichen Situation; denn mit warmen, feurigen Dankesworten reichte sie dem Baron die Hand und bat dringend, er möge uns zu Tante Ulrike begleiten, damit auch diese den edlen Mann kennen lerne, der ihr das Leben gerettet.
Der Baron wußte nicht recht, was er thun oder sagen sollte. Er blickte mich schnell an, und all' meine Verlegenheit niederkämpfend vereinte auch ich jetzt meine Bitten mit denen Eugeniens, und so begleitete uns der Baron denn zu dem Bauernhause, vor dem die Tante schon wartend stand, und nun eben so sehr durch unsere Erzählung überrascht wurde, als durch das Zusammentreffen mit unserem alten Bekannten. Aber hier in der freien Natur, nur umgeben von wenig heiteren Menschen, war der Baron ein ganz anderer. Seine steifen, verlegenen Manieren, welche im glänzenden Salon und unter so viel fremden, eleganten Menschen als so lächerlich auffielen, bemerkten wir jetzt kaum; die Jägerkleidung, welche er trug, stand ihm sehr vortheilhaft, und die Kühnheit und Stärke, mit der er Eugeniens Verfolger zu Boden geworfen, hatten ihn in all' seiner männlichen Kraft und Bedeutung hervortreten lassen. Er bat sich nun die Ehre aus, uns in sein Schloß führen zu dürfen, und mit Vergnügen folgten wir dieser Einladung. Ein schönes, altes Gebäude, umgeben von prächtigem Park und großartigen Wirthschaftshäusern, lag vor uns; das Innere des Schlosses war einfach, aber schön und gediegen eingerichtet, und Adel und Wohlstand ruhte auf dem ganzen Besitzthum.
Mir war sehr sonderbar zu Muthe, als ich diese Räume durchschritt. Dies alles hätte ich mein nennen, von all' diesem reichen, stattlichen Besitzthum hätte ich Herrin werden können! Dieser Gedanke drängte sich mir immer und immer wieder auf, ich sah ihn auch auf der Stirn Tante Ulrikes geschrieben, und hätte ihn auch wohl in des Barons Augen lesen können, hätte ich den Muth gehabt, ihn anzusehen, oder er mich. Aber sonderbar, statt daß mich dieser Gedanke niedergeschlagen, oder mir Bedauern und Reue über meine Thorheit erweckt hätte, fühlte ich im Gegentheil jetzt erst doppelt, wie ganz unmöglich es mir gewesen wäre, die Wünsche des Barons zu erfüllen, und wäre sein Schloß noch zehnmal schöner und kostbarer gewesen.