Unserem Wirthe machte es viel Freude, uns alles recht genau zu zeigen, und unsere aufrichtige Bewunderung der vielen köstlichen kleinen Alterthümer, woran das alte Schloß so reich war, regte ihn so an, daß er ganz lebendig und heiter wurde. Eugenie war in vollem Enthusiasmus über all' die herrlichen altmodischen Dinge, und ihr feiner Schönheitssinn fand reichlich Stoff zu aufrichtiger Bewunderung. Sie huschte und kletterte überall herum, untersuchte alle geheimen Thüren, Treppen und Winkelchen, wovon das alte Schloß einen ganzen Schatz barg, und war reizend und fröhlich wie ein ausgelassenes Kind. Der Schrecken, welcher sie zuerst bleich und erschöpft gemacht hatte, war jetzt ziemlich überwunden, und das zarte Roth ihres Gesichts machte sie nun schöner als je. Der Baron verfolgte sie unablässig, und sie war mit ihren Blicken so herzlich und unbefangen zu dem steifen Herrn, daß dieser alle Zurückhaltung abstreifte und mit ihr umher lief und kletterte, wohin sie wollte, so daß die Tante nicht so schnell nachkommen konnte, und ich mit ihr langsamer folgte. Eugenie gelangte endlich auch in ein kleines Zimmer oben im Thurm, und voll Staunen erblickte sie hier allerlei musikalische Instrumente und hohe Stöße von Noten. Besonders schön war ein Cello, doch auch ein kostbarer Flügel erregte ihre volle Bewunderung.

»Sie sind musikalisch, Herr Baron?« rief Eugenie lebhaft und deutete auf ein Notenheft, das aufgeschlagen neben dem Cello lag.

»Ein wenig, gnädiges Fräulein. Aber lassen wir das!« entgegnete unser Wirth verlegen und wollte Eugenien wieder herausführen, denn ihr Eindringen war ihm sichtbar unangenehm. Eugenie aber hüpfte vergnügt nach dem Flügel, und indem ihre Finger über die Tasten flogen, nickte sie dem Baron lächelnd zu.

»Hier werden Sie mich nicht wieder los!« rief sie fröhlich. »Kommen Sie nur, liebster Baron, begleiten Sie mich. Sie spielen Cello, das ist herrlich, wie lange Zeit habe ich dies liebe theure Instrument nicht mehr gehört! Wir werden unter Ihren Noten sicher etwas finden, das wir zusammen spielen können.«

Dem Baron half kein Sträuben. Hier in seinem Thurmstübchen, wohin er seine Kunst als in ein verborgenes Heiligthum geflüchtet hatte, von dem niemand etwas wußte, hier war der lustige, neckische Kobold Eugenie eingedrungen, und mit ihr fanden wir unseren guten Baron in der eifrigsten musikalischen Unterhaltung, als wir den Klängen folgend wieder mit ihnen zusammen trafen. Er spielte sein Cello meisterhaft, und es war ein großer Genuß, dem trefflichen Spiel der Beiden zuzuhören. Wir hielten uns in einiger Entfernung, um nicht zu stören, aber der Baron war bald so mit voller Seele bei seinem Spiel, daß die ganze Welt hätte zuhören können, es würde ihn nicht mehr genirt haben.

Nur ungern verließen wir das kleine Gemach, aber die Sonne neigte sich zum Untergange und mahnte an die Heimfahrt. Der Abschied von unserem guten Baron war so herzlich, als wären wir schon längst die besten Freunde gewesen, und wir erhielten von ihm sogar das Versprechen seines Besuches, sobald er nach der Stadt kommen würde. Oft mochte er aber wohl die Stadt nicht besuchen, denn in seiner schönen Besitzung fühlte er sich unendlich viel wohler, als unter den gewandten Stadtleuten, auch hatte ich ihn seit jenen verhängnißvollen Tagen nicht wieder in Gesellschaft getroffen, was mir natürlich nur lieb sein konnte.

Sehr verwundert war ich, mit wie viel Achtung, ja selbst Bewunderung Eugenie von dem Baron sprach. Sie schien ganz ausgetauscht, denn ihr kecker Muthwille, der sonst nichts schonte, hätte immerhin reichen Stoff zu Spöttereien finden können, so vortheilhaft sich der Baron ihr auch gezeigt hatte. Mir kamen deshalb so allerlei wunderliche Gedanken in den Sinn, die ich aber weislich für mich selbst behielt, und über meine einstigen Beziehungen zu unserem Retter schwieg ich nun gar erst sorgfältig. Nur gegen Marie sprach ich mir Herz und Seele frei, sie war ja meine Vertraute in allen Dingen.

Wenige Tage nach diesem unseren Abenteuer erschreckte uns die Nachricht, daß in dem Dorfe, in welchem Baron Senfts Besitzungen lagen, eine Feuersbrunst ausgebrochen und außer vielen Bauerhäusern auch Pfarr- und Schulhaus, sowie ein Theil der Kirche abgebrannt sei. Wir bedauerten das Unglück um so lebhafter, da wir so eben selbst noch in jenem Orte gewesen waren, und der Sammlung zum Besten der Abgebrannten steuerten wir reichlich bei. Glücklicherweise war unsere arme kranke Bäuerin von dem Unglück verschont geblieben, aber Schrecken und Angst hatten ihr Leiden arg verschlimmert. Durch sie erfuhren wir nun, mit welcher Aufopferung Baron Senft sich der armen Abgebrannten angenommen, wie thätig er selbst beim Löschen des Feuers gewesen, und wie er die Zuflucht sei für alle Bedrängten.

Eugenie nahm ungewöhnlich lebhaftes Interesse an diesem Vorfall, und sie sann ernstlich darüber nach, wie den armen Leuten kräftig zu helfen sei. Eine kleine Lotterie, welche Marie zu diesem Zwecke veranstaltete, behagte ihrem Geschmack wenig, obwohl sie wunderhübsche Geschenke dazu lieferte.

»Wir wollen ein Dilettanten-Concert arrangiren!« rief sie endlich entschlossen. »Das muß mehr abwerfen, als eure Nadelkissen-Lotterie mit den Silbergroschen-Loosen. Oder was meint ihr zu einer kleinen dramatischen Vorstellung? Meiner Ansicht nach würde das den Leuten Spaß machen, natürlich müssen die Billets mit Auswahl vergeben werden.«