Unsere Bedenken, daß solche Gedanken nicht ausführbar seien und gar zu viel Mühe machen würden, verwarf sie alle, und da Tante Ulrike nichts Unpassendes darin fand, indem wir ja für einen guten Zweck mit unseren Leistungen hervortreten wollten, so stand Eugeniens Entschluß fest: die Aufführung einiger kleinen Lustspiele zu arrangiren, denen einige musikalischen Leistungen vorangehen sollten.
Die sonst so bequeme, unthätige Eugenie war jetzt Feuer und Flamme. Theatralische Vorstellungen gehörten zu den Dingen, welche ihre Mutter sehr liebte und häufig veranstaltet hatte, und so wußte Eugenie mit dergleichen gut Bescheid, denn sie war sogar selbst einige Male mit aufgetreten. Von Büchern umgeben, wie ehedem vor dem Balle von Flor und Bändern, fand ich sie jetzt täglich in ihrem Zimmer, denn die Wahl der darzustellenden Stücke war sehr schwierig. Bald jedoch war ihr Entschluß gefaßt, und der Erfolg zeigte, daß sie sehr geschickt gewählt hatte.
Nicht ohne allerlei Qual und Mühe brachten wir unter unseren Bekannten das passende Personal für die Aufführung zusammen, und es bedurfte oft aller Liebenswürdigkeit, deren Eugenie fähig war, um die Herzen zu unsern Gunsten zu stimmen.
Endlich aber waren alle Rollen besetzt, ein passender Saal errungen, in dem eine nette Bühne erbaut wurde, und nun schritten wir rüstig zu dem Einstudieren unserer Rollen und der Herstellung der passenden Costüme. Wie in einem Taubenhause ging es jetzt den Tag über bei uns aus und ein, denn jeder wollte etwas anderes wissen. Eugenie hatte für alles Rath, und ich bewunderte dabei fortwährend, wie geschickt sie alle keimenden Streitigkeiten zu umgehen verstand. Bald fehlte hier ein Mieder, bald dort passender Besatz, bald stritt man, wie die Beleuchtung am Besten anzubringen sei, bald welche Decoration man wählen sollte. Dann wieder kamen Zweifel über die Betonung einzelner Worte, oder über die Art des Auftretens, kurz, Jeder hatte ein anderes Anliegen, und alle dem wußte Eugenie gewöhnlich schnell zu entsprechen, und die Tante half ihr, wo sie konnte. Mein Beistand war mehr untergeordneter Art, indem ich meine Finger in Bewegung setzte und fleißig die Garderobe in Stand brachte. Dabei lernte ich, daß mir der Kopf rauchte, denn trotz furchtbaren Sträubens war auch ich von Eugenien dazu verdammt worden, eine der Rollen zu übernehmen.
»Aber ich bin ja so hölzern, ich blamire euch alle!« jammerte ich vergebens.
»Ich werde dich schon zurecht stoßen, Gänseblümchen!« lachte Eugenie. »Du bist hier bei Tante Ulrike auf der Hochschule, und zur rechten Bildung gehört auch, daß man gelegentlich einmal Komödie mitspielen kann, also bin ich nur auf deine Ausbildung bedacht.«
So wenig ich nun auch mit diesem, als zur Erziehung nothwendigen Element einverstanden war, so mußte ich doch endlich nachgeben, wollte ich nicht eigensinnig erscheinen.
Eugeniens Plan, der Aufführung ein kleines Concert vorausgehen zu lassen, machte ihr fast noch mehr Noth, als die Besetzung der Rollen. Sie selbst wollte allerlei spielen und singen, aber einige andere tüchtige Kräfte mußten ihr zur Seite stehen, sonst ging es nicht. Amanda Delius hatte sich endlich bereit erklärt, etwas auf dem Flügel vorzutragen, da sie trefflich spielte, und Dr. Hausmann übte mit Eugenien einige Duette ein, aber noch fehlte eine Art Ouvertüre, welche das Ganze würdig einleitete.
»Ich hab's! Das muß gehen!« rief mir Eugenie eines Morgens entgegen und zeigte mir ein niedliches Briefchen, dessen Aufschrift lautete: »Sr. Hochwohlgeboren dem Herrn Baron von Senft, Erb- und Standesherrn auf und zu Senftenburg.«
»Nun mache nur nicht Augen, als wolltest du mich geradesweges verschlingen!« rief Eugenie und zog die Klingel. »Schnell den Brief in den Briefkasten,« sagte sie dann, Lisetten das Billet übergebend.