»Du, Gänseblümchen, sag' mal, kocht das Wasser?«
Und so kamen täglich Schelmereien vor, man war ihrer nie sicher. Manchmal bat sie, Tante sollte sie allein kochen lassen, und dann ließ sie ihrer Laune die Zügel schießen, brachte schließlich aber doch immer etwas Ordentliches auf den Tisch.
»Heute giebt's nur Wassersuppe, ihr müßt genügsam sein,« sagte sie z. B., und in der Suppenschüssel befand sich dann nichts als helles, klares Wasser, das wir verblüfft ansahen. Dann lachte sie, sprang hinaus und brachte irgend eine gute Suppe zum Ersatz, denn sie hatte nur unsre langen Gesichter sehen wollen.
Auch kam fast kein Gericht durch ihre Hände auf den Tisch, mit dem sie sich nicht irgend einen Scherz gemacht hätte. Bald trug die gebratene Gans einen Blumenstrauß auf dem Busen, bald schmückte jedes Kotelett oder Hühnchen eine Guirlande von Petersilie oder eine gekniffte Papierkrause; die Fische trugen stets irgend etwas im Maule, bald ein Klagelied über frühen Tod, bald ein Geldstück oder dergleichen, das sie im Wasser verschluckt, wie die Erläuterung sagte, ja eines Tages hatte sie eine gebratene Gans sogar mit einem Kranze von rothen Radieschen umschlungen, und die so Geschmückte bat in zierlichen Versen, sie doch mit auf den nächsten Ball zu nehmen, sie sehne sich nach Gesellschaft und dort tanzten gewöhnlich gar viele ihrer jungen Schwestern.
Auch der Baron bekam zu seinem höchsten Entzücken in dieser Weise sein Theilchen Neckerei. Natürlich fand er Eugenien reizend in der netten weißen Küchenschürze, und wenn ihre niedlichen kleinen Finger von Mehl umhüllt sich in ihrer ganzen Zierlichkeit muthwillig auf seinem schwarzen Rockärmel abdrückten, so freute er sich wie ein Kind und drückte die Händchen an seine Lippen, es mochte Mehl oder Teig oder sonst etwas daran kleben. Mit Wonne aß er alles, was Eugeniens Kunst bereitet, es mochte schmecken, wie es wollte, ihm ging nichts darüber, und eine Kartoffel oder einen Apfel, den sie ihm geschält, hätte er am liebsten als wundervolle Reliquie aufgehoben, statt ihn in den Mund zu stecken.
»Heute habe ich dir eine Sandtorte gebacken, Arthur, weil du sie so gern ißt!« rief Eugenie eines Tages ihrem Geliebten entgegen.
Dieser war natürlich ganz zerknirscht vor Freude und Dank, und Eugenie sprang fort, das Wunderwerk zu holen. Bald kam sie denn auch mit einer großen Torte zurück, die sauber mit Zucker bestreut und von Blumen umgeben war.
»Du mußt sie selbst anschneiden, da!« sagte sie und überreichte dem Baron ein großes Messer nebst Teller. Dieser schob die Blumen etwas zur Seite und schnitt ein tüchtig Stück aus der Torte heraus, das er dann auf den Teller legte. Es war eine wunderliche Torte, das Stück brach und krümelte merkwürdig, und die Farbe war höchst verdächtig. Aber Eugenie hatte sie gebacken, also mußte sie gut sein. In dieser Ueberzeugung führte der Baron den Bissen zum Munde, und Eugenie konnte eben nur »Halt, halt!« rufen, sonst wäre der Scherz zu weit gegangen; denn nun erst sah der Baron, daß es zwar eine Sandtorte war, die der Schalk ihm vorgesetzt, aber keine gebackene, sondern eine aus wirklichem Sande. Die gebackene und wohl gerathene trat nun schnell an die Stelle der falschen, und der Baron war voller Bewunderung seiner neckisch holden Braut, die immer neu, immer schelmisch und munter, aber immer voll der innigsten Liebe und Aufmerksamkeit für ihn war.
Wie viel Eugenie von der Wirthschaft lernte, dahinter bin ich eigentlich nie gekommen, denn zuweilen war ihr das Einfachste neu und fremd, wenigstens stellte sie sich so, und dann wieder überraschte sie durch allerlei Kenntnisse, die eine praktische Hausfrau kennzeichnen. Tante Ulrike lächelte, als ich ihr diese meine Verwunderung aussprach, und sagte: »Laß sie nur, Gretchen; mir ist nicht bange, Eugenie wird schon ihren Posten ausfüllen, denn sie kann es, wenn's Ernst wird. Das alles hier ist ihr nur Scherz, bei uns wird sie nicht anders. Ein Mädchen, das so viel richtigen Verstand und praktische Anlagen hat als Eugenie, wird eine thätige Hausfrau, sobald sie in ihrem Eigenthum schaltet und waltet. Sie wird zuerst manches Lehrgeld bezahlen, aber das thut nichts, sie wird sich schon hindurcharbeiten, das Zeug dazu hat sie. Gott gebe nur, daß das Leben sie nicht gar zu rauh erfaßt, damit ihr Frohsinn dauernd sei. Kleine Prüfungen werden auch bei ihr nicht ausbleiben, aber ich kenne unseren Liebling jetzt hinreichend und weiß, daß ein guter Kern hinter dieser schillernden Schale steckt, und der wird sich erhalten und bewähren an der Seite ihres braven Gatten. Gott führt uns Menschen weise und wunderbar, das zeigt mir Eugeniens Geschick wieder recht deutlich. In den Verhältnissen des elterlichen Hauses wären die edlen Keime erstickt, welche in dem guten Kinde ruhen; Gott legte mir dasselbe an das Herz, gab ihr in dir, mein Gretchen, eine liebe Schwester, und alles Gute, das in ihr schlummerte, trat deutlich hervor. Er führte ihr den Mann, der für ihren wunderlichen Sinn am besten paßte, in einer Weise zu, daß sie gleich seinen hohen Werth erkannte, und jetzt kann ich ruhig Eugeniens Zukunft entgegen sehen, denn alles wird gut werden.«
Die Briefe, welche Eugenie jetzt von ihrem Vater erhielt, sprachen die innigste Freude aus über das Glück seines Kindes. Zur Hochzeit versprach er zu kommen, obwohl ihn die Geschäfte dann wieder nach Bayern zurück riefen. Eugenie sollte später mit ihrem Gatten eine Reise nach den schönen Gegenden Süddeutschlands machen, in denen der Vater sich aufhielt. Das waren schöne Pläne, und auch für mich leuchtete von fern eine herrliche Aussicht, denn Tante Ulrike hatte ihrem Bruder versprochen, ihn zu begleiten, wenn er nach Bayern zurück kehrte, und ich Glückspilz sollte mit ihnen reisen.