Eines Tages jedoch kam eine erschreckende Nachricht. Der Baron war von einem jener wilden Pferde gestürzt und eine Strecke weit von demselben geschleift worden. Eine Kopfwunde und ein gefährlicher Beinbruch war die Folge des Unfalls.

Mir traten bei dieser Trauerkunde die heißen Thränen in die Augen, Eugenie aber sprach kein Wort, hatte keine Thräne; doch die Todtenblässe ihres Gesichtes zeigte den tiefen Aufruhr ihrer Seele.

»Schnell einen Wagen!« befahl Tante Ulrike, und bald flogen wir nach Schloß Senftenburg; Eugenie war noch immer stumm und bleich und thränenlos. Auch wir sprachen nichts, doch meine Thränen flossen unaufhaltsam, und auch die Tante trocknete ab und zu die Augen.

Als wir im Schlosse ankamen, hatten die Aerzte soeben die Verbände angelegt und brachten uns tröstliche Nachricht. Der Fußbruch war allerdings schlimm und bedenklich, die Kopfwunde jedoch nicht beunruhigend; Schonung und sorgliche Pflege würden sie bald heilen. Augenblicklich habe die Anstrengung des Verbandes alle Kräfte des Kranken erschöpft, er liege in einem fast bewußtlosen Zustande; doch sobald dieser sich in Schlaf verwandeln werde, sei nichts mehr zu fürchten. Zu ihm durfte augenblicklich niemand, auch Eugenie nicht, die mit weit geöffneten Augen den Bericht anhörte. Aber obwohl sie ihn nicht sehen konnte, so wollte Eugenie doch im Schlosse bleiben; sobald der Baron eingeschlafen, durfte sie zu ihm, so lange wollte sie warten, und wir natürlich mit ihr. Endlich nach langem Harren winkte der Arzt ihr zu und führte sie an das Lager des Schlummernden.

Bis dahin hatte sich das tapfere Mädchen aufrecht erhalten und dem Schmerz kein Uebergewicht gestattet; aber als jetzt der kräftig starke Mann so bleich und hülflos vor ihr lag, fast wie ein Todter, da zitterte ihre schlanke Gestalt leise, und auf die Tante gestützt eilte sie schnell wieder zum Zimmer hinaus. Hier brach sie schluchzend zusammen, und der Krampf ihres Herzens, der ihre Thränen bis jetzt zurück gehalten, löste sich endlich.

Sie weinte lange, und das war eine große Wohlthat für ihr armes Herz. Als sie endlich ruhiger geworden, sagte sie ernst und weich: »Tante, nun weiß ich erst, was er mir ist. Ich gehe nicht wieder von ihm fort, wer weiß, wie lange ich ihn noch habe. Mir gehört er, ich habe die heiligsten Rechte an ihm, ich muß ihn pflegen.«

Die Tante nickte still mit dem Kopfe, sie mußte das wohl erwartet haben, denn ihr Entschluß war schon gefaßt.

»Ich bleibe bei dir, mein Kind, anders geht es nicht!« sagte sie sanft. »Gretchen versieht mein Haus während meiner Abwesenheit und leistet uns dazwischen Gesellschaft, die übrige Zeit mag sie ihrer Marie widmen.«

Nun gab mir die Tante Anweisungen, was ich zu thun habe, welche Sachen ich ihnen durch Lisetten schicken, und welche Anordnungen ich treffen sollte. Mit schwerem Herzen kehrte ich allein nach Haus zurück und besorgte treulich, was die Tante mir aufgetragen. Dann eilte ich zu meiner Freundin Marie, welche schon von dem Unglück gehört und mich in großer Aufregung erwartete. Marie's Mutter ließ mich nicht wieder fort, als sie die Lage der Dinge gehört, und so war ich während dieser Leidenstage der Gast meiner liebsten Freunde. Daß dies für mich unaussprechlich trostreich war, könnt ihr euch wohl denken, meine lieben Leserinnen, denn gegen wen hätte ich mein banges, übervolles Herz freier aussprechen können, als gegen meine theure Marie und deren treffliche Mutter! Ich schlief mit Marie zusammen in deren Zimmer, das war unbeschreiblich gemüthlich, und unsere Gespräche beim Schlafengehen zogen sich oft sehr in die Länge. Immer wieder wünschten wir uns gute Nacht und beschlossen nun endlich zu schlafen, aber immer wieder fiel uns dann noch etwas gar zu Wichtiges ein, das die Andere erfahren mußte, und die Frage: »Marie, schläfst du schon? Gretchen, bist du noch wach?« war der stete Wiederbeginn neuer Erzählungen und Herzensergüsse.

Fast täglich fuhr ich nach Schloß Senftenburg, wohin des Barons Wagen mich führte, und Marie oder deren Mutter begleiteten mich häufig. Der Zustand des Kranken war in den ersten Tagen ein sehr beunruhigender gewesen, denn er fieberte heftig und schien viel Schmerzen zu leiden. Eugeniens Gegenwart hatte ihn zuerst etwas aufgeregt, aber nach einem leisen, kurzen Gespräch, das sie mit ihm führte, schien eine wunderbare Ruhe über ihn zu kommen, und das geliebte Mädchen durfte bei ihm bleiben, wie sie es gewünscht, und welche treue, sorgfältige Wärterin ward nun die verwöhnte Salondame! Die Tante konnte mir nicht genug erzählen, welche Veränderung mit Eugenien vorgegangen war. Aller Leichtsinn, alles oberflächliche, unbesonnene Wesen war stillem Ernst und gewissenhafter Pflichterfüllung gewichen. Nur auf kurze Stunden konnte man sie in den ersten bangen Tagen von dem Lager des Kranken entfernen, damit sie selbst der Ruhe pflege. Sie wachte fast eifersüchtig darüber, daß alles, was der Kranke genoß, nur durch ihre Hände ging, und mit der sorgfältigsten Pünktlichkeit beobachtete sie die Stunden, an denen die verschiedenen Arzneien gegeben und Umschläge gemacht wurden, oder sonstigen Anordnungen der Aerzte nachzukommen war.