Die Kopfwunde heilte schnell, und der Kranke konnte sich bald der Gesellschaft seiner Eugenie besser erfreuen, da der Arzt nun Beiden das Sprechen erlaubte, das in der ersten Zeit fast ganz verboten war. Bald konnte sie ihm auch vorlesen, ihm mit Musik die Zeit kürzen, und die Tante, welche die Sorge für das Hauswesen übernommen hatte, leistete Beiden treulich Gesellschaft. Kam auch ich hinzu, oder gar eins unserer Freunde, so versammelte sich ein heiterer Kreis um den theuren Kranken, dessen Augen mit rührender Dankbarkeit von Einem zum Andern schweiften, zuletzt aber immer mit wahrhafter Verehrung an seiner schönen Braut hafteten. Eugenie wurde dann zuweilen wieder das lustig neckische Kind mit den schelmischen Augen, aber im Ganzen war durch diese Leidenszeit ein stiller, weicher Ernst über sie gekommen, der mir oft die Thränen in das Auge trieb. Sie klagte nie, selbst nicht in den ersten Tagen der Angst, oft aber sah ich, wie ihr Blick inbrünstig gen Himmel gerichtet war, von dort hoffte und erwartete sie alles. Der Beinbruch heilte sehr langsam und schien den Aerzten große Sorge zu machen, da es ein Splitterbruch war, dessen völlige Heilung selten gelang.
»Arme Eugenie, einen Krüppel kannst du doch nicht heirathen!« sagte der Baron eines Tages mit Thränen im Auge. Eugenie überflog leises Zittern.
»Meinst du, dein Fuß müsse doch noch abgenommen werden?« fragte sie angstvoll.
»Das fürchte ich gerade nicht, da es bis jetzt nicht geschehen ist,« erwiderte der Baron. »Aber steif bleibt das Gelenk sicher, darüber will ich mich selbst nicht täuschen.«
»Hoffen wir doch lieber das Beste, Arthur!« entgegnete Eugenie sanft lächelnd. »Du hast so gute Aerzte, die Heilung gelingt gewiß.«
Der Baron schwieg, doch bemerkte Tante Ulrike, daß er seit diesem Gespräche oft unruhig war, und seine Augen mit sorgenvoller Angst auf Eugenien hafteten. Doch sprach er seine Besorgniß nicht wieder gegen sie aus und schien selbst zuversichtlicher seiner Heilung entgegen zu sehen.
Woche um Woche verging, der Verband des Fußes war erneuert worden, wieder vergingen einige Wochen, und jetzt sollte der Hauptverband abgenommen werden. Der Baron konnte seine Aufregung kaum bemeistern, er hatte ein langes Gespräch mit Tante Ulrike, und auch diese schien erregt; nur Eugenie erwartete ruhig die wichtige Stunde und war heiter und zuversichtlich. Den Tag zuvor kam sie mit der Tante nach der Stadt, wie sie in letzter Zeit öfters gethan; aber kaum waren einige Stunden vergangen, als die Tante einen Brief vom Baron erhielt mit einer Einlage an Eugenien. Der Verband war heute schon abgenommen worden.
Eugenie erbrach schnell die Zeilen und wurde bleich, dann setzte sie sich still an das Fenster und blickte gedankenvoll gen Himmel. Tante Ulrike stürzten die Thränen aus den Augen, als sie ihren Brief gelesen. Sie ging schnell zu Eugenien und schloß sie in ihre Arme.
»Gott legt dir Schweres auf, mein Kind!« sagte sie sanft. »Wo dein Glück so nahe vor dir lag, sendet er dir solch harte Prüfung. Der Baron hat dir doch mitgetheilt, wie es mit ihm steht?«
»Tante, ich wußte, daß es so kommen würde!« entgegnete Eugenie fest aber weich. »Ich habe gehört, daß die Aerzte nach dem Abnehmen des ersten Verbandes unter sich die traurige Gewißheit aussprachen, das Knie werde steif bleiben; ich habe also nichts anderes erwartet.«