»Du wußtest das, Kind, und warst doch die Ruhigste und Heiterste während dieser ganzen Zeit?« rief die Tante staunend. »Weißt du denn auch, was das sagen will, ein steifer Fuß?«
»O ja, Tante, ich weiß, daß viel Beschwerde und ein schleppender Gang und Krückstock damit zusammenhängt,« sagte Eugenie mit zitternder Stimme, und indem einige schwere Thränen über ihre Wangen liefen. »Aber ich weiß auch, daß ein solcher Mann doppelt seines Weibes bedarf.«
»Aber er entbindet dich deines Gelübdes, Eugenie,« sagte die Tante leise. »Du hast einem gesunden, kräftigen Manne dein Wort gegeben; dich als das Weib eines Krüppels zu sehen würde ihm ewig schmerzlich sein. Ueberlege es wohl, mein Kind, du bist jung und frisch und voll Ansprüche an das Leben, wird dir der gelähmte Gatte nicht bald unsäglich hinderlich sein? Wirst du nicht mit der Zeit die Fesseln gar zu drückend empfinden, welche dir durch seine Unbehülflichkeit angelegt werden? Du übernimmst doppelte Pflichten, und hast du sie einmal übernommen, so mußt du sie auch treu und willig erfüllen!«
»Ich danke dir für deine lieben Worte, Tante Ulrike,« sagte Eugenie mit ungewohnter Milde. »Es war deine Pflicht, mir das zu sagen, und meines Bräutigams Zartgefühl gebot ihm ebenfalls, mich bei der jetzigen traurigen Lage der Dinge meines Gelübdes zu entbinden. Aber da ihr nun gethan habt, was euer Gewissen euch lehrte, so laßt jetzt auch das meine ein Wörtchen mitsprechen. Sage ehrlich, Tante Ulrike, hältst du mich wirklich für so – nun welches Wort soll ich nur gebrauchen, um das genügend auszudrücken, was ich mir zu Schulden kommen ließe, verweigerte ich jetzt, die Gattin des edlen Mannes zu werden, der durch sein Mißgeschick ohnehin unglücklich genug geworden ist? Ich bin ein unsäglich oberflächliches, leichtsinniges Mädchen gewesen, dem nichts ernst und heilig schien, und das in ihrer Verzogenheit sicher grenzenlos anspruchsvoll und unliebenswürdig gewesen ist. Aber, meine liebe Tante, jetzt steht die alte Eugenie nicht mehr vor dir. Dir und Gretchen danke ich mehr, als ich je im Leben wieder vergelten kann! Ihr habt Beide viel von mir ertragen; aber wenn ich es euch auch nie zeigen mochte, tief im Herzen drin habe ich vom ersten Augenblicke an wohl empfunden, in welch' treue Hände mich der liebe Gott geführt hatte. Und was nun noch Verwerfliches und Thörichtes in meinem Herzen kämpfte, das haben die letzten Leidenstage vollends vertilgt. Arthur wird mit Gottes Hülfe ein braves Weib in seiner Eugenie erhalten. Glaubst du das, Tante?«
Ich konnte Tante Ulrike's Antwort nicht hören, denn den Kopf in mein Taschentuch gedrückt schluchzte ich bitterlich. Aber jetzt umschlossen mich Eugeniens Arme, und mit ihrem alten neckischen Tone zog sie mir das Tuch von den Augen.
»Nun ist doch meine kleine Gouvernante mit ihrem Zöglinge zufrieden, nicht wahr Gänseblümchen?« fragte sie schmeichelnd und blickte mit inniger Liebe in mein Gesicht. »Solche abscheulich lange Reden zu halten habe ich von meinem ehrpußlichen Backfischchen gelernt, habe ich es gut gemacht, Kleine?«
Daß ich statt aller Antwort an ihrem Halse hing und ihr liebe, süße Worte sagte, die ich jetzt freilich nicht recht mehr weiß, versteht sich wohl von selbst. Es war eine innige, unvergeßliche Stunde, welche unsere Herzen für das Leben an einander fesselte.
Ein ankommender Brief an Tante Ulrike lenkte unsere Gedanken bald auf etwas anderes. Die Tante und mein Papa hatten eine einzige bedeutend ältere Schwester, welche heftig erkrankt war und ihre Geschwister noch einmal zu sehen wünschte. Mein Papa schrieb der Tante, er werde in den nächsten Tagen der Bitte Folge leisten und hoffe, auch Tante Ulrike könne es möglich machen, nach F. zu der kranken Schwester zu kommen. Ein Werk der Barmherzigkeit werde es sein, könne Tante Ulrike bis zu dem Tode der alten einsamen Schwester bei derselben bleiben; die zunehmende Schwäche der Kranken scheine leider ihr nahes Ende zu bestätigen.
Die Tante war in großer Erregung; denn obwohl sie mit dieser etwas wunderlichen Schwester nie viel Verkehr gehabt hatte, so hing sie doch mit herzlicher Liebe an ihr und wünschte dringend zu ihr zu reisen. Andererseits aber hielten sie die Pflichten gegen ihre beiden Pflegetöchter zurück, denn wenn auch ich gern noch länger bei Marie's Eltern bleiben konnte, was sollte aus Eugenie werden, die doch weder allein in Senftenburg bleiben, noch gerade jetzt zu ihrer Mutter gehen konnte, ehe der Baron gesund war.
Eugenie stand gedankenvoll am Fenster und trommelte auf den Scheiben.