»Ach was, Krüppel!« rief die Tante heftig. »Was ist's denn weiter! Ein etwas steifer Fuß macht noch lange keinen Krüppel! Sie wissen noch gar nicht einmal, ob er wirklich so steif ist, als Sie fürchten, und dann wollen wir erst die Wirkung von Teplitz abwarten; wer weiß, ob da nicht alles noch ganz gut wird, und Sie über's Jahr nicht mit Eugenien um die Wette reiten; nur etwas weniger tolle Pferde, wenn ich bitten darf.«

Der Baron küßte Tante Ulrike's weiche Hand voll kindlicher Zärtlichkeit, diese aber nickte ihm freundlich zu und ermahnte ihn, ja recht sorgfältige Toilette zu machen, er wisse ja, die schöne Eugenie halte etwas darauf.

Eben war er fertig und blickte noch einmal prüfend in den vorgehaltenen Spiegel, da fuhr ein Wagen vor. Ein zweiter und dritter folgte, und verwundert über den zahlreichen Besuch schickte der Baron seinen Diener fort, ihm Kunde zu bringen, wer gekommen sei.

»Fräulein von Jagow und einige Freunde und Freundinnen aus der Stadt,« meldete der Diener. »Sie werden gleich um die Ehre bitten, dem Herrn Baron ihre Aufwartung machen zu dürfen; die Damen ordnen nur noch ihre Toilette, da der arge Wind sie sehr staubig gemacht hat.«

Es dauerte sehr lange, ehe besagter Staub von den Toiletten entfernt war, und fast wurde der Baron ungeduldig. Endlich aber öffneten sich die Flügelthüren, und an der Hand der Tante Ulrike trat Eugenie in das Zimmer, im lieblichsten Brautschmuck. Ihnen folgten Marie und ich, ebenfalls festlich geschmückt, dann Maries Eltern, und endlich Eduard und Dr. Hausmann, frische Blumensträuße im Knopfloch.

Tante Ulrike führte die hoch erglühende Braut ihrem Geliebten zu und sagte, Eugenie bringe ihm selbst die Antwort auf seine gestrige Frage, indem sie ihren Verlobten bitte, sie heute schon als Gattin heimführen zu wollen, falls es ihm selbst nicht etwa leid geworden sei.

Der Baron glaubte zu träumen. Er vergaß seinen kranken Fuß und wollte vom Lehnstuhle aufspringen, aber Tante Ulrike drückte ihn sanft wieder auf denselben nieder.

»Eugenie, ist das dein Ernst?« stammelte er nun und streckte die Arme nach der Geliebten aus. Eugenie verhüllte das Gesicht mit ihren Händen, und an seiner Seite niedersinkend lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er legte beide Arme um die geliebte Braut und hielt sie still und selig umschlungen. Feierliche Stille lag über uns Allen, Marie und ich drückten uns die Hände und weinten leise, und Tante Ulrike hatte das Tuch vor den Augen.

Da öffneten sich wieder die Flügelthüren des Nebenzimmers, und zwischen hohen Gewächsen und frischen Blumen war ein kleiner Altar errichtet, an welchem Prediger Sommer das Brautpaar erwartete. Einige Diener rollten des Barons Lehnstuhl zu ihm hin, Eugenie kniete an der Seite des Geliebten nieder, und die Feier begann. Im Hintergrunde des Zimmers, von den Blumen verdeckt, standen einige Sänger und Sängerinnen aus unserem Bekanntenkreise, und ihnen hatten sich einige Burschen aus dem Dorfe angeschlossen, dessen Schullehrer sie im Gesang trefflich geschult hatte. Sie begrüßten das Brautpaar mit sanften Tönen, dann sprach der Geistliche ernste und milde Worte und vollzog die Trauung. Bei der Beglückwünschung der Neuvermählten ließ Tante Ulrike eine Menge Einwohner des Dorfes in das Zimmer treten, welche dringend baten, dem lieben Herrn ihre Glückwünsche bringen zu dürfen, und vom Hofe herauf erschallte endloser Jubel, denn dort war das ganze Dorf versammelt, Alt und Jung, welche Alle auf die wunderbare Nachricht herbeiströmten.

Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und Mägde des Gutes, sowie sämmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden. Es war eine unvergeßlich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll stillen Glückes, bald so lustig und übersprudelnd von Humor und Neckerei, daß man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute uns unter die Tänzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch einmal so hoch, wenn ihre schöne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja überhaupt nie, da wußte es niemand anders. »Ueberhaupt,« sagte der Baron lächelnd zu seiner schönen Frau, »jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner Steifheit alle Stühle und Tische umwerfe; denn nun heißt's: »der arme Mann hat einen lahmen Fuß, er kann nichts für seine Tölpelei.«