Erst spät wurde es still auf Schloß Senftenburg, denn als die Nacht herein brach, und die Wagen der Gäste zum Schloßthore hinaus rollten, kam noch ein prächtiger Fackelzug die Dorfstraße herauf. Die Bauern brachten ihrer lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter Jauchzen und Fackelschein fuhren wir fröhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und daß sie die Leidende nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon länger abwesend war, als bei meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wünschte meine Begleitung auf der schon früher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies Vergnügen von Herzen gönnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gänseblümchen als Gast ihres Hauses bei sich behalten zu können.

Es war eine schöne Zeit, reich an frohen und gemüthvollen Stunden, welche ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie überhäufte mich mit Liebe und Güte, und wenn der Schalk auch noch überall in tausend Neckereien wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schloß Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald ich bemerkte, wie nützlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verließ ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so übernahm ich die häuslichen Geschäfte nun mit großem Eifer und schaltete und waltete Tag für Tag ziemlich selbständig in den Räumen des alten Schlosses. Eugeniens schöne Ausstattung hier überall einzuräumen war ein wirkliches Vergnügen, und glücklich wie ein Kind hüpfte und tanzte die junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen Lehnstuhl fröhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum andern. Bald mußte er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald die glatten weißen Bettüberzüge, welche zierlich mit rothseidenen Bändern umwunden waren. Dann wieder ließ sie die Sonne in den weißen, rothen und grünen Gläsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und Schüsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster ihrer schönen Sopha's und Lehnstühle mußte er selbst prüfen, die gestickten Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden Gatten vorgeführt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn wie gleichgültig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge betraf! »Jetzt gehört es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth für sie bekommen,« hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie immer.

Der Baron durfte seinen Fuß noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer fürchtete. An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen. Und welche liebenswürdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts Hübscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Würde. Mit einer Sicherheit, als wäre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen, machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr während der Krankheit ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gäste oblagen, entsprach sie denselben doch in jeder Weise.

Die Wirthschaft freilich ließ sie für's Erste noch in ihrer bisherigen Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber im Herbst, wenn sie von der Reise zurückkehren würden, da wollte sie eine Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gäbe, behauptete sie. Wer das nicht glauben wollte, der möge es bleiben lassen, wenn's nur der Baron glaubte, und daß dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas noch nie Dagewesenes, das wußte der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an, zum großen Jubel seiner Tochter. Er war ein schöner, schlanker Mann mit geistreichen Zügen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann durch und durch, unbeschreiblich liebenswürdig und angenehm. So verschieden er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glück seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl für den ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemüth mehr und mehr, so daß er sich unbeschreiblich wohl fühlte im Schooße seiner Lieben. Er wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir nach Süddeutschland zurückzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rückwege wollte Tante und ich sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurück. Ein sanfter Tod hatte die schwer geprüfte Schwester von allem irdischen Leide befreit, und so betrübt die Tante auch über den Verlust war, der sie betroffen, so dankte sie doch Gott, daß er das Leiden der Armen nicht verlängert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr Vater halte es für das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden; doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern ließ sich der gemüthvolle Mann von diesem äußersten Schritte abhalten, immer noch hoffend, die leichtsinnige Frau könne sich ändern. Wie innig bedauerte ich diesen liebenswürdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch' wichtige Sache eine sorgfältige Erziehung ist, die alle bösen und verderblichen Anlagen im Keime erstickt.

19.
Die Reise.