Der Sommer war während dieser Zeit längst schon in das Land gezogen, der Arzt trieb zur Abreise nach Teplitz, damit der allerdings sehr steife Fuß des Barons durch die Kur vielleicht doch noch beweglicher werde, und so rüsteten wir Alle uns denn zur Abreise. Ich half Eugenien treulich, die gar zu wenig vom Einpacken verstand und es doch gern lernen wollte; aber erst als ich sah, wie Tante Ulrike einpackte, merkte ich wohl, daß ich ebenfalls nichts davon verstand und ging nun selbst erst in die Schule.

Da wir Trauerkleider trugen, bedurften wir keines großen Gepäckes, was Tante überhaupt gern vermied; sie sagte, hohe Reisekoffer und zahllose Schachteln und Kisten gäben ihr eine wenig vortheilhafte Meinung von der dazu gehörenden Reisenden, denn entweder sei dieselbe sehr eitel oder sehr unpraktisch. In der Folge sah ich selbst, wie angenehm es war, wenig Gepäck mit sich zu führen, und war ordentlich stolz auf die kleinen Dimensionen unserer Reiseeffecten im Vergleich mit denen anderer Mitreisenden. Besonders Schachteln, Kästchen, Packete und derartige Gegenstände, die man lose mit sich führt, vermied die Tante möglichst, und mit einiger Scham gedachte ich jetzt der unzähligen kleinen Kistchen und Päckchen, welche ich bei meiner Abreise vom Vaterhause um mich her thürmte; ich hätte sogar meinen Kanarienvogel in seinem Bauer auf meinen Knieen mit mir entführt, hätte Tante Ulrike dies nicht lächelnd abgewehrt.

Jetzt hatten wir nichts bei uns im Wagen, als ein Packet wohlgeschnürter Schirme, ein Bündel Shawls, von Lederriemen umschnallt, und jede von uns eine lederne Handtasche mit kleinen Bedürfnissen während der Reise, z. B. Eau de Cologne, etwas Chocolade, ein kleines Nähzeug, ein Reisehandbuch nebst Karte, Notizbuch, Bürste, Taschentuch und was dergleichen wünschenswerthe Dinge mehr waren. Alles Unnütze mußte zurück bleiben, so sehr ich oft bat und jammerte und nicht begreifen konnte, daß man auf Reisen eben allerlei entbehren muß, sonst soll man zu Hause bleiben bei seinem Comfort und seinen Siebensachen. Die Tante war früher mit ihrem Manne viel gereist, da hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt; einfach und praktisch war sie ohnehin, und so konnte ich auch für dies neue Element keine bessere Lehrmeisterin finden. Wie wundervoll verstand sie einen Koffer zu packen! Ich hatte es versucht, aber bald war er voll und ein ganzer Berg Sachen schaute trostlos darein, denn sie fanden keinen Platz mehr in meinem Kofferchen. Da kam die Tante. Ruhig packte sie alles wieder heraus, und nun machte sie sich an's Werk. Unten auf den Boden kamen die schweren Sachen, wie Wäsche, Bücher u. dergl., dann sorgfältig gefaltet Kleider und Röcke, und obenan in einer besonderen Abtheilung Kragen, Tücher und dergleichen leichte Dinge. Bänder und Handschuhe und andere lose Kleinigkeiten flüchteten sich zusammen in ein besonderes Kästchen, das sich bescheiden in eine Ecke drückte, Lücken aber wurden nun durch Schuhe und derartige Rückstände ausgefüllt; es war ein Vergnügen, wie schließlich alles Platz fand; der kleine Koffer schien unter Tante's Händen Gummiwände bekommen zu haben, so viel nahm er in sich auf.

Eugenie reiste einige Tage früher ab als wir, und Herr v. Jagow blieb in der Gesellschaft seiner Kinder, um Eugenien alle Reisesorgen abzunehmen. Später wollte er mit uns wieder zusammentreffen, falls er Eugenien verlassen konnte; ein kleiner Badeort in den Bayrischen Alpen sollte uns wieder vereinigen.

Unsere Fahrt war Anfangs nicht sehr unterhaltend, denn sie führte uns durch langweilige Gegenden der Mark. Um so mehr hatte ich Muße, die Reisegesellschaft zu beobachten, welche sich in dem Eisenbahncoupé mit uns befand. Es waren einige Damen, alte und junge; zwei davon saßen schweigsam in ihrer Ecke, die dritte jedoch begann mit der Tante und mir sehr bald ein Gespräch und schien sich für alles zu interessiren, was man ihr mittheilte. Aber die Tante hatte augenscheinlich keine sehr große Lust, sich mit ihr zu unterhalten, sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Die gesprächige Dame widmete sich mir nun ganz allein, und obwohl ich keinen großen Gefallen an ihrer Art und Weise fand, so hielt ich mich doch für verpflichtet, ihr über alles höflich Rede zu stehen, wonach sie fragte. So erfuhr sie denn gar bald all' meine Verhältnisse, Namen und Stand der Tante, sowie Zweck und Ziel unserer Reise. Sie war sehr erfreut zu hören, daß wir das Bayrische Gebirge besuchen wollten, denn auch sie reiste dorthin und suchte Gesellschaft, welche sie in uns glaubte gefunden zu haben. Sie versprach, sich ganz nach uns richten zu wollen, gute Gesellschaft sei ihr die Hauptsache; eine einzelne Dame sei auf Reisen gar zu schlimm daran. Ich konnte ihr darin nicht Unrecht geben, und da sie eine gutmüthige, gescheute Dame zu sein schien, so ging ich auf ihre Anerbietungen freundlich ein. Nun fing sie an, die Tante mit Fragen zu bestürmen, wohin sie gehen würde, damit sie sich danach richte; diese aber schien verstimmt und gab ihr ausweichende Antworten.

Bei dem nächsten Anhaltepunkte wechselte die Tante zu meiner Verwunderung den Wagen.

»Gefiel es dir nicht in jenem Coupé, Tantchen?« fragte ich. »Wir hatten ja so gute Gesellschaft.«

»Nein, Kind, die Zudringlichkeit jener Dame war unerträglich!« sagte die Tante. »Sie gehörte sicher nicht zu der besten Art Frauen; ihr Wesen mißfiel mir vom ersten Augenblicke an.«

»Aber sie schien so gutherzig und reist so allein,« entgegnete ich mitleidig. »Ich kann mir wohl denken, wie lieb es ihr sein muß, Gesellschaft zu finden.«

»Das verstehst du nicht, Kind,« lächelte die Tante. »Sie wird nicht lange allein sein, darüber mache dir keine Sorgen. Nur auf unsere Gesellschaft wird sie verzichten müssen, wir passen nicht für sie. Uebrigens sei vorsichtiger, mein Töchterchen, und erzähle nicht Jedem gleich, wer wir sind, und was wir treiben. Auf Reisen trifft man gar zu häufig mit Personen zusammen, vor denen man sich zu hüten hat. Lieber zu schweigsam gegen deine Reisegesellschaft, als zu offenherzig; besonders ein junges Mädchen kann hierin nicht vorsichtig genug sein.«