Ich beachtete den Rath der Tante und bemerkte nun allerdings, wie zurückhaltend die meisten Mitreisenden waren, besonders die Damen. Gemüthlich war das freilich nicht, aber es gab bald so viel zu sehen, daß ich der Unterhaltung gern entbehrte.

Daß die Tante aber Recht hatte mich zur Vorsicht zu ermahnen, zeigte mir kurze Zeit darauf unser Zusammentreffen mit jener gesprächigen Dame, wovon ich hier gleich erzählen will. In dem reizenden Parthenkirchen nämlich, wo wir uns längere Zeit aufhielten, gingen wir eines Tages im Thale spazieren in Begleitung einer sehr angenehmen Familie aus Berlin, welche wir dort getroffen. Nach einiger Zeit hörten wir Lachen und laute Stimmen einer uns entgegenkommenden Gesellschaft, und bald erkannte ich in einer der Damen unsere lebhafte Reisegefährtin. Sie war höchst elegant gekleidet und schien sich durchaus nicht mehr über Einsamkeit beklagen zu können, denn eine Menge junger, eleganter Herren umgab sie, und die Unterhaltung war sehr heiter. Plötzlich erblickte sie uns und eilte auf uns zu.

»Ah, Frau von Jagow, wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und Sie, Fräulein Gretchen, wie geht es Ihnen? Welch reizendes Zusammentreffen!«

Die Tante erwiederte den Gruß mit auffallender Kälte; ich freute mich auch durchaus nicht, die Dame wieder zu sehen, die mir heute noch viel weniger gefallen wollte; doch gab ich ihr freundliche Antworten auf ihre Fragen, das ging doch nicht anders. Sie schien große Lust zu haben, in unserer Gesellschaft zu bleiben, aber bald besann sie sich eines Bessern und folgte dem Rufe ihrer Begleiter, welche sehr befreundet mit ihr zu sein schienen.

»Wie in aller Welt kommen Sie zu dieser Bekanntschaft!« rief lachend Herr von Barnheim, sobald die Dame uns verlassen.

»Sie ist mit uns gereist, weiter kenne ich sie nicht,« entgegnete die Tante. »Wissen Sie vielleicht etwas Näheres über dieselbe?«

»O, so viel als alle Gäste von Parthenkirchen, mehr auch nicht!« lachte Herr von Barnheim. »Aber mich dünkt, es ist eben genug, Ihnen zu rathen, sich die gute Dame etwas fern zu halten, denn für Fräulein Gretchen scheint sie mir nicht gerade der passendste Umgang. Wie ich höre ist sie Mitglied verschiedener wandernder Schauspielertruppen gewesen und hat überall die verschiedensten Aventuren gehabt.«

Ich wurde blutroth und freute mich, daß unser Spaziergang bald ein Ende hatte, damit wir der Dame nicht etwa noch einmal begegneten. Am andern Tag erfuhren wir, daß dieselbe weiter gereist sei, und das erleichterte mein Herz außerordentlich, denn nun waren wir hoffentlich von ihrer Gesellschaft befreit.

Nach dieser Abschweifung jedoch kehre ich wieder zum Anfang unserer Reise zurück, denn noch waren wir unterwegs, und zum ersten Male fuhr ich durch ein fremdes Land. Ueber die Grenze von Preußen war ich bis jetzt nie gekommen, nun flogen wir durch Sachsen und dann abermals nach einem anderen Lande: das schöne Bayern lag vor uns.

In Sachsen fing die Gegend zuerst an, einigen Reiz zu bieten, besonders das schöne Elsterthal gefiel mir ausnehmend, und mit Staunen betrachtete ich die gewaltigen Eisenbahnbrücken, welche sich über das Thal spannen. Hof in Bayern war unser erstes Nachtquartier; andern Tages fuhren wir an Kulmbach vorüber, dessen Schloß höchst malerisch vom Felsen herab schaut, und während allen Reisenden das treffliche Bier mundete, das erste echt bayrische, ließ die Tante uns Kaffee zur Erquickung bringen. Sie selbst trank wenig und ging im Freien auf und nieder, ich aber setzte mich in dem netten Zimmer der Restauration an einen Tisch und machte es mir bequem, legte Hut und Handschuhe ab, ordnete mein Haar und blies dem heißen Kaffee von Zeit zu Zeit Kühlung zu. Eben wollte ich anfangen ihn behaglich zu schlürfen, da läuteten die Glocken zum Einsteigen, die Tante rief, und traurig mußte ich meinen schönen Kaffee im Stiche lassen. Aber das war eine gute Lehre, von nun an beeilte ich mich besser. Die schöne Gegend tröstete mich bald über den kleinen Verdruß, denn wir näherten uns Bamberg, fuhren an dem schönen Kloster Banz vorüber, und in der Ferne lagen die grünen Berge der fränkischen Schweiz.