In Bamberg blieben wir einige Tage. Was ist das für eine nette Stadt; wie prächtig liegt sie da, umkränzt von sanften Bergen und geschmückt mit dem stattlichen Dom und der Ruine Altenburg auf der Höhe! Bei prächtigem Wetter stiegen wir zu diesem alten Schlosse hinauf. Wie freute ich mich an der schönen Gegend, Berge sah ich zum ersten Male; ich wünschte mir Flügel, um mich dort hinauf zu schwingen; wie weit mußte man da oben sehen können!

Geschichtliche Erinnerungen sprachen auf dem alten Schlosse zu uns, denn im Jahre 1208 soll in dem Thurmzimmer, in welchem wir uns ausruhten, der Kaiser Philipp von Schwaben durch Otto von Wittelsbach umgebracht worden sein. Mir grauste, obwohl mir der nie verlöschende Blutfleck am Boden nicht echt erscheinen wollte; dergleichen Flecke gehören aber nun einmal zu solchen grausenhaften Geschichten.

In Hof, wo wir unser erstes Nachtquartier hielten, war ich am Morgen der Abreise nur mit Mühe und Noth mit meinem Anzug fertig geworden; denn zuerst ließ ich sehr sorglos die Zeit vergehen, und schließlich mußte ich in höchster Eile mein Haar nur halb geflochten unter den Hut stecken, da der Omnibus vor der Thür stand, uns abzuholen.

In Erinnerung an diese Angst und Hast stand ich denn am Morgen unserer Abreise von Bamberg sehr früh auf und war mit Anziehen, Einpacken und Frühstücken so zeitig fertig, daß ich die Tante um Erlaubniß bat, noch ein wenig in den Straßen umher gehen zu dürfen. »Versäume nur die Zeit nicht!« mahnte Tante Ulrike, gewährte mir aber gern meinen Wunsch. So strich ich denn frohen Sinnes in den Straßen auf und nieder und vertrieb mir die Zeit sehr angenehm, denn es war gerade Markttag, und zu allen Thoren kamen die Landleute in fremdartiger Tracht mit ihren Waaren herein, und buntes Leben herrschte bald überall.

Auch in den schönen Dom trat ich noch einmal zum Abschied, betrachtete mir die alten Bilder und Grabsteine, besonders das berühmte Denkmal von Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, und so bemerkte ich nicht, daß es schon spät geworden, bis die Uhr am Glockenthurm über mir plötzlich die Stunde schlug. Erschrocken eilte ich fort, denn die Zeit unserer Abreise war nahe, und noch hatte ich den Rückweg vor mir. Hastig schritt ich durch die Straßen; ich meinte, den Weg zu wissen, aber welch' ein Schrecken, ich mußte mich verirrt haben, denn plötzlich war ich wieder auf dem Platze am Dom, von wo ich ausgegangen. Ich fragte mich nun von Straße zu Straße, einer zeigte hier-, der ander dorthin; in Schweiß gebadet lief ich immer vorwärts, der nächste Weg konnte es unmöglich sein, den man mir angab. Gern hätte ich einen Wagen genommen, aber nirgends traf ich einen leeren; dem Weinen nahe bat ich endlich einen Knaben, mich zu begleiten, und athemlos gelangte ich an unserem Hôtel wieder an.

Die Tante war in großer Sorge um mich; den Frühzug hatten wir versäumt und mußten nun mit dem Mittagszuge fahren. Ich war sehr niedergeschlagen über meine Unbesonnenheit, die Tante jedoch tröstete mich; heute habe unsere Versäumniß ja nichts zu bedeuten; für ein anderes Mal möchte ich es mir zur Lehre nehmen, denn in fremder Stadt könne mir in Zukunft dergleichen öfter passiren.

Aber die Irrfahrten am Morgen waren nur das Vorspiel von anderweitigem Ungemach, das mir an dem Tage zustieß; man hat so seine Unglückstage, ich mußte heute wohl mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein.

Als wir nämlich Mittags endlich glücklich auf der Eisenbahn angekommen waren und unsere Plätze gewählt hatten, stieg die Tante noch einmal aus dem Wagen, da sie soeben eine alte Bekannte in einem andern Coupé gesehen hatte, welche sie begrüßen wollte. Sie übergab mir die Reisebillets und eilte fort. Im selben Augenblicke wurde köstliches Obst vorbei getragen, und ich sowie alle Mitreisenden kauften davon. Man drängte sich um die offene Thür, an der ich saß, ich reichte dienstfertig Obst nach allen Seiten, nahm dafür Geld in Empfang, kurz war sehr eifrig in diese Angelegenheit vertieft und ordnete dann geschäftig unsere Sachen, die noch umher lagen.

Da kam die Tante und mit ihr der Beamte, welcher die Billets einforderte. Ich griff nach den unsrigen, welche die Tante mir gegeben, – sie waren fort! Bestürzt suchte ich am Boden, auf den Kissen, kehrte alle Taschen um, schüttelte Kleid und Tuch aus, alle Mitreisenden halfen suchen, – es war umsonst, die Billets waren nirgends zu finden. Nur der weiße Gepäckschein fand sich vor, die anderen Zettel mußten mir beim Handeln um das Obst verloren gegangen sein; ich konnte mich nicht besinnen, sie wieder gesehen zu haben, seit die Tante sie mir auf den Schooß gelegt.

Der Beamte zuckte die Achseln und bedauerte das Mißgeschick, aber ohne Billet konnte er uns beim besten Willen nicht reisen lassen; wir mußten aussteigen und neue Billets lösen. Es war die höchste Zeit, der Zug sollte sogleich abfahren, und in Hast und Eile stürzte ich zum Wagen hinaus. Da flog etwas neben mir zu Boden, es war eines der Billets. Gott sei Dank, so war doch eins wenigstens da, das zweite freilich erschien nicht, wer weiß, wohin sich das geflüchtet; ich eilte zur Kasse und war endlich froh, überhaupt noch mit fort zu kommen.