»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der Tochter hastig ins Wort.
»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und schwer.
»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt – mich verflucht! Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du, Grace?«
Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der hölzernen Treppe emporstiegen.
Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
»Annie! Barmherziger Gott!«
»Mary!«
Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte – sie sah nur ihn – Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie blickenden Augen.