»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung – bringst Du Deine so schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs. Northlands Munde.
»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der überraschten Frau.
»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? – Das purpurglühende Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem Sessel.
Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie, Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit Wochen umhergegangen – geblendet und beschämt über die eigentliche Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen. – Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch – eine Bitte – –«
»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte sie ihn an.
»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können. Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit des holden jungen Mädchens sich weideten.
Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark, über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht geworden.