Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat, bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären, daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag, wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.
Fächer-Bilder.
»Caro amico!
Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge Dich damit, daß ich mich langweile – zum Sterben langweile und Dein heiteres Künstlergemüt – Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte, die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben würden!
»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben – alles zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung – von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels – und Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! – Solide?? Das doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau! Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch, daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt, der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin gemacht, nicht aber, weil –, wie Du es zu glauben scheinst – sie es verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann – noch dazu einen verwöhnten Mann – zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau, ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen – außer unsern vier Pfählen – sie wenig oder gar nicht zu interessieren scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben.
Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht. Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen nicht etwa eine Moralpredigt, amico Carolo, um mich mit diplomatischen Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen. Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten Male.
Gilbert.«