Berlin, 8. Februar 18..

»Teurer Freund!

Es ist zum Totlachen! Ich habe ein reizendes Abenteuer erlebt, welches ganz nach meinem Geschmack ist und die mich befallene schlappe Gemütsstimmung total aufgefrischt hat. Übrigens danke ich Dir für Deinen Brief und die freundlichen Grüße an Agnes, der Du allem Anscheine nach ein liebenswürdiges Interesse zu teil werden läßt. Das gute Kind hatte vor einigen Tagen zum erstenmale eine Anwandlung von Eifersucht. Wie komisch! Doch davon später.

Also: unser Künstlerbund gab vorige Woche einen brillanten Maskenball, den ich selbstverständlich besucht habe, während meine Frau dergleichen rauschende Vergnügungen grundsätzlich meidet. Natürlich bin ich weit davon entfernt, sie in ihren etwas streng puritanischen Ideen beeinflussen zu wollen. Ich hingegen warf mich mit blasierter Gleichgültigkeit in den wildesten Strudel dieses Zauberfestes. Ein schlichter Domino aus moosgrüner Seide, der noch aus meiner Junggesellenzeit stammt und mir vor Jahren zur Karnevalszeit in Rom gute Dienste geleistet, wurde wieder hervorgesucht und für tauglich befunden. Vom Scheitel bis zur Zehe verhüllte er meine Gestalt, so daß ich darauf hätte Gift nehmen wollen, unerkannt zu bleiben. Allein es kam anders. Denn bereits vom Beginn des Balles an intriguierten mich zwei Damen ganz impertinent, indem sie mich auf Schritt und Tritt verfolgten.

Die eine, ebenfalls im Domino, schien der Figur und Haltung nach schon etwas bei Jahren zu sein, wogegen die andere, im entzückendsten Susannenkostüm, Formen und Bewegungen auswies, wie ich solche an einer Sterblichen überhaupt noch nicht gesehen. Im Nu war meine blasierte Stimmung verschwunden; ich fühlte einen Feuerstrom durch meine Glieder ziehen. Große Samtmasken mit lang herabfallenden Spitzenbärten machten jedes neugierige Erspähen der Gesichtszüge rein unmöglich.

Wer war dieses Götterweib? Sicherlich wohl eine Fremde. Denn solcher Anmut und vornehmer Grazie war ich in Berlin noch nicht begegnet. Aufs höchste interessiert und sympathisch angezogen, daß die Aufmerksamkeit dieser distinguierten Erscheinung sich gerade auf meine unbedeutende Person gelenkt, mache ich unserer bisherigen stummen Wanderung durch die Säle ein Ende mit den an die Jüngere gerichteten bedeutungsvollen Worten:

»Was veranlaßt wohl nur das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«

Sie zuckte zum Zeichen, daß sie mich nicht verstanden, die wohlgerundeten Schultern. Ich wiederholte dieselbe Frage auf Französisch. Da lachte sie hell auf. Es war ein köstliches melodisches Lachen; dann klang eine glockentiefe Altstimme an mein in Verzückung lauschendes Ohr:

»Monsieur Gilbert besitzt viele Freunde, ohne daß er davon eine Ahnung zu haben scheint.«

Beinahe erschreckt stutze ich. Also faktisch erkannt!