»Ist er doch nicht umsonst zwei Karnevalsaisons in Rom gewesen. Jener grüne Domino hier –« (ihre mit schwarzen Halbhandschuhen bekleidete Rechte strich sanft über meinen Ärmel hinweg) – »machte den Verräter.«
Etwas verblüfft starre ich durch die Augenschlitze der Maske nach der Sprecherin hin.
»Eine Freundin, Madame? So sind wir alte Bekannte?« sagte ich ziemlich indiskret.
»Das weiß ich nicht, Monsieur! Wer zählt die Völker, kennt die Namen! Künstler Gilbertos Herz ist weit, aber sein Gedächtnis scheint kurz. Armer Gilberto!« fuhr sie, bedauernd den Kopf wiegend, fort: »Jetzt ist er ein Philister geworden; er mußte es nolens volens werden, – hat eine reiche, unelegante, häßliche Frau heiraten müssen, die nebenbei noch grimmig eifersüchtig sein mag. Seine Freunde bedauern und bemitleiden ihn aber aus tiefstem Herzensgrunde und hoffen wenigstens, daß die geniale Künstlernatur unter solchem Mißgeschick nicht zu Grunde gehen wird!«
»Eine häßliche Frau!« Das verschnupfte mich, und ein wenig ärgerte ich mich über solchen meinem sonst stets als kompetent geltenden Geschmack gemachten Vorwurf, insbesondere, weil er ganz ungerecht war. Allein der Moment schien nicht geeignet darüber zu streiten, und deshalb nahm ich es ruhig hin; ja ich war sogar entzückt davon, daß die reizende Susanne nun sans gêne ihren Arm unter den meinen schob und dicht neben mir weiter schritt. Der weibliche Domino folgte uns.
Witz, Geist und Übermut sprudelten aus jedem Worte meiner Begleiterin. Ich schwelgte in einem Meer von Wonne. Hier war doch einmal wieder richtiges Amüsement, nach welchem ich mich förmlich gesehnt hatte. Berlin, meine Ehemannspflichten, ja sogar die sanfte, braunhaarige Agnes, – alles war vergessen; ich verträumte mich wieder nach Italien, in die selige Periode meiner unbeschränkten Freiheit!
Mio amico! Ich kann Dir versichern, daß es wirklich ein außerordentlich amüsanter Abend war. In einem ziemlich entlegenen Winkelchen nahmen wir ungestört Erfrischungen ein, nach deren Genusse diejenige, welche von meiner reizenden Maske mit Tante angeredet wurde, in einen wohligen Halbschlaf zu fallen schien. Wir ignorierten das selbstverständlich und unterhielten uns um so lebhafter. Aus verschiedenen Äußerungen der jetzt Schlummernden war mir klar geworden, daß die Damen Russinnen sein mußten, ihr Domizil in Wiesbaden hatten und bloß für kurze Zeit auf Besuch zu einer Malerfamilie nach Berlin gekommen waren, indessen die Hauptstadt schon am nächsten Tage zu verlassen gedachten. Halb mechanisch spielte ich mit dem mir angeeigneten Fächer meiner Begleiterin und that dabei die vielleicht etwas dreiste Äußerung, daß ich denselben als Pfand für ein eventuelles Wiedersehen, oder auch zur Erinnerung an diesen Abend als mein Eigentum behalten wollte.
»O nein! Dieses unscheinbare Ding hier ist ein teueres Andenken an einen Freund,« entgegnete sie wieder mit dem so bezaubernden Lachen. »Aber, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Monsieur Gilberto! Sie behalten den Fächer einstweilen und malen mir mit Künstlerhand ein Bildchen darauf, dann wird er mir erst doppelt wert sein.«
»Gern. Doch wie soll ich Ihnen denselben wieder zustellen, bella Susanna?« fragte ich gespannt, indem ich ihre reizende, brillantenfunkelnde Hand einen Moment fest zwischen die meine nahm.
»Eh bien! Sie schicken ihn mir par poste, oder was noch besser wäre, Sie bringen ihn selbst, Gilberto! Meine Adresse ist: Madame de Baranow, Wiesbaden ... Straße. Im Mai komme ich übrigens wieder nach Berlin.«