Darauf erhob sie sich, weckte mit sanften Schütteln die schlummernde Tante, und bald waren die Damen im Maskengewühl meinen Blicken entrückt.

Ich glaube, daß ich noch eine ziemliche Weile, in selige Träumereien versunken, mit dem gedachten Fächer in der Hand auf diesem Platze gesessen habe. Obgleich kein Kunstwerk, was die schöne Unbekannte mir zurückgelassen, entströmte demselben doch ein eigentümlich süßes Parfüm. Von goldverziertem Schildpatt war der zierliche Griff, alles übrige von feiner schwarzer Seidengaze. Und doch fühlte ich mich in dem Besitze gleich einem Krösus, so daß auch in meinem erregten Geiste allerlei mögliche Ideen auftauchten – liebliche Phantasiegebilde, denen ich auf dem duftigen Gewebe mit dem Pinsel Ausdruck, ja Form und Gestalt verleihen wollte. Sicherlich sollte Dir, bella Susanna, der Beweis geliefert werden, daß Gilbertos leidenschaftliches Temperament, sein zündender Geistesfunke noch nicht untergegangen im hausbackenen Eheleben.

Das Fest hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich ließ mir von dem ersten besten dienstbaren Geiste ein Stück Papier bringen, wickelte den mir so kostbaren Fächer sorgfältig ein und schob das kleine Päckchen in die Tasche. Nach zwanzig Minuten stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinan.

Schon von der Straße aus hatte ich wahrgenommen, daß in dem an mein Atelier stoßenden Wohnzimmer, wiewohl die Mitternachtsstunde längst geschlagen, noch eine Lampe brannte. War denn Agnes noch wach? Wollte die kleine Frau mich, an dessen späte Rückkehr sie doch hinlänglich gewöhnt sein mußte, heute auf einmal erwarten? Das dünkte mir höchst wunderbar. Der Entreedrücker befand sich in meiner Tasche, weshalb ich, ohne zu klingeln und von den Dienstleuten unbemerkt, mein Heim zu betreten vermochte. Ein wenig neugierig öffnete ich die Stubenthür; doch machte der sich mir darbietende Anblick unwillkürlich lächeln. Dort – an dem mit umfangreichen Weißnähereien bedeckten Tische, über welchen die Hängelampe ihr mildes Licht ausstrahlte, lag, auf die gekreuzten Arme herabgesunken, das Haupt meines jungen Weibes, während die Brust der sanft Schlummernden unter regelmäßigen Atemzügen sich hob und senkte.

»Die häßliche Frau!« So schoß es mir plötzlich durch den Sinn. Leise trat ich näher, um mich mit Kritikerblicken einmal zu überzeugen, in wie weit jener Ausspruch gerechtfertigt schien. Freilich wies dieses zierliche Köpfchen dort keine regelrechten Schönheitslinien auf. Dafür aber lag der Schmelz holder Frauenhaftigkeit, die Taufrische eines weiß-rosigen Teints über dem beinahe noch kindlich runden Gesichte. Häßlich? Nein, das war entschieden ganz ungerecht. Der Chic der großen Welt, und das so gewisse, auch weniger schöne Frauen anziehend machende Etwas fehlte hier natürlich durchaus. Allein mein Malerauge fand heute zum erstenmale, daß das, was ich an Modellen so oft vergeblich gesucht und wofür ich, um es auf die Leinwand zu bannen, eine wahre Leidenschaft hegte, nämlich: einen rötlich goldigen Glanz im hellbraunen Haar, was die Engländer so bezeichnend auburn nennen, – daß gerade diese große Seltenheit mein eigenes Weib besaß. In einem langen Prachtzopfe hing dieses jetzt vom Lampenlicht beleuchtete, wunderbar schimmernde Haar der schlanken Gestalt über den Nacken herab. Merkwürdig, nicht wahr, mio amico? Und noch merkwürdiger, daß ich das vorher gar niemals beachtete.

Nachdem ich Cylinder, Handschuhe und das kleine Paket mit dem Fächer auf den Tisch gelegt, war ich eben im Begriff, mich auch des Paletots zu entledigen, da erwachte Agnes.

Halb verstört schaute sie mich an. Doch nur mit verlegenem Gruße raffte sie eilig die Arbeit zusammen und barg dieselbe auf dem Schoße.

»Aber, Kind! Was fällt Dir ein, so lange wach zu bleiben! Das ist thöricht!« sagte ich mehr unwillig, als freundlich, indem ich es nicht einmal der Mühe wert hielt, ein lautes Gähnen zu unterdrücken. »Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«

Nur ein ängstlich scheuer Blick aus ihren stahlblauen Augen streifte mich. Was sie dabei wohl gedacht, vermochte ich nicht zu ergründen. Vielleicht hatte sie gerade um meinetwillen den Schlaf der halben Nacht geopfert, vielleicht auch auf ein herzlich dankbares Wort aus meinem Munde gerechnet. Arme kleine Frau! Sie packte, wie das so ihre Gewohnheit war, meine nachlässig hingeworfenen Sachen sorgsam zusammen. Dabei aber entschlüpfte der Fächer seiner papiernen Hülle und fiel zurück auf den Tisch. Sie stutzte, da sie das verräterische Rot sofort bemerkte, was meine Stirn bezog.

»Hast Du Dich neuerdings auf Fächermalen verlegt, Gilbert?« kam es eigentümlich spöttisch von den rosigen Lippen. Der Ton reizte mich.