So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk – kein Bravourstück sollte diese Arbeit werden, – Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, – ein Etwas, was ihr sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im Galopp davon!

Endlich – endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.

Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar nicht gemacht worden, und hatte ich es nur en passant erfahren. Darum sah ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich male – male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da – auf einmal macht ein schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.

»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.

»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.

»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.

»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«

Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.

»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht einfältiges Gesicht gemacht habe.

»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das Bild ist – ist entzückend!«