»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben aus – dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das – andere, was noch darauf ist, sind – natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! Ich überwand mich. Nicht jetzt – nicht um des Fächers willen sollte die Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste – ein anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und – ging. –
Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
Bist Du jetzt mit mir zufrieden, amico?
Dein Gilbert.«
(24 Stunden später.)
»Herzensfreund!
Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen – mit ihr – mit mir – mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn solchen Glückes auch wert?«