Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? – –

Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen Gedanken und Empfindungen. Ich wußte – fühlte, daß ein veredelnder Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen Briefen noch zur Genüge studieren konntest, – nein, nein, und tausendmal nein! – nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort »Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. –

Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher zuerst nur an sich selbst dachte!

Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich – alles mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. – Da – da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen – ich taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen – meines Kindes ist's, was ich vernehme.

Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, – keine Macht der Erde hätte mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht – und befinde mich alsbald in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: »Gilbert!«

Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner Frau Schwiegermutter – machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«

Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.

»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« –

Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen

stets getreuen Freund Gilbert.«