Aus Großtantchens Hofdamenleben.

Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen Großvaters noch vor meinem Geiste.

Damals – lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen – imponierte mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von vierundneunzig Jahren gewaltig.

Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte, um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen, da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die – nach meiner Idee – den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.

Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht, – heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches, witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen, Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie, unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.

Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden, dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor meinen Augen auf.

In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel, dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken, verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen sein soll. Ganz besonders aber war es ein Name, der ihre matten Augen stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.

Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als für den großen Kaiser Napoleon.

»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf Großtantchen – noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und deren mannigfache Enttäuschungen – seufzend erwiderte, daß der Stolze, Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.

Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie wahrheitsgetreu nacherzähle: