»Der Kaiser – der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs erste noch nichts. Mir genügte, daß er kam, daß ich ihn sehen, daß meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er gestreift! Eines Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich – ich glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr – nahm meine Gebieterin mir das Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.

»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.

»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen möge! Denn – denn ...‹

»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.

»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre, andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung allein zurücklegen zu müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.

»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen gewölbten Wänden wieder! – Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter. Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete, glücklich erreicht, – da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir gerade entgegen.

»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich, der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange aufzubleiben beliebte.

»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen, energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich, wie fatal! Jetzt – neugierig spähe ich – trotz meines fieberhaften Herzklopfens – mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.

»Da – ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast springen vor Angst und Scham – da vertritt der Unverschämte mir schnell und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges Figürchen stürmisch an die Brust.

»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst. Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem Kopfe nieder, und – ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam, brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!