»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes Hoffräulein, so sans façon zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das konnte – das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.

»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.

»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon – mein angebeteter Held – mein Ideal war es!!

»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht, ob es Todesschreck – ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.

»›Adieu, ma belle! Au revoir!‹ tönte ein heiterer, merklich spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch links schauend, stürmte ich meines Wegs – die Treppe hinan und erreichte atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. – –

»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige, überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige, nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer, welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments. Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm verwöhnten Mannes Haupt. –

»Endlich – Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich warten zu lassen – endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...

»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen Trotz um den festgeschlossenen Mund, – so kam er dahergeschritten. Nun erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem, indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.

»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches Teil hübscher als ich. Allein gerade an meiner unbedeutenden, kleinen, zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.

»Was war das? – Hatte er mich wiedererkannt? – War diejenige, welcher sein heiterer Zuruf: ›Au revoir, ma belle!‹ gegolten, vielleicht nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O, daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!