»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den Gemächern der Frau Herzogin. –

»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. –

»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden. Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen sollte!« –

Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal – mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« – – –

Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige, kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.

Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil, so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen Hofdamenzeit mitzuteilen.

»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:

»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!

»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.

»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen Kriegslasten zu entbinden.