»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen und Denken, ja die Seele eines Weibes zu besitzen und bemühte sich daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge, die im Gesichtskreise der Frau liegen.
»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.
»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.
»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins, zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.
»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren Zeit, sondern nur um seichte französische Romane – Hofklatsch und – Toilettenangelegenheiten!
»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit erheischte die allergrößte Rücksicht.
»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte. Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre geben sollte.
»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand, glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den Weltbezwinger zu diesem Schritte – persönlich nach X. zu kommen – veranlaßten.
»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm gebührenden Empfang zu bereiten.
»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen, – nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche des Kaisers gethan.