»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente, alle in Schatten gestellt werden.

»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen. Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage bilden sollten.

»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich irgend eine Gnade vom Kaiser erbitten.

»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich! War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte.

»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete.

»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb.

»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? – so mochte der hohe Gast wohl bei sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich – die Hofdame.

»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen in unserem Schlosse bereits bereuen mochte.

»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige, wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt zu Boden.

»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen Art: