Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen. Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern, in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes Wunder durch die Glieder bebte, – nein, Carrie, Herzensschwester, in die berühmte cave of the winds (Windhöhle) bin ich mit Papa hinabgestiegen! –
Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte, unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann.
Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte, eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben!
Höre also!
Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich, machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame, was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, – die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens, Privatdocent. Berlin«, – der fast außer sich darüber geriet, als er erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle. Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau, worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ. Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den Deutschen verletzt oder gekränkt? – ich weiß es nicht. Wenigstens verlor ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an.
Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und ihre Kräfte überschätzt.
Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen.
So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war.
Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben. Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung.
Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte. Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich und beruhigt, an die treue Brust.