Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten. Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen, und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts, und, – Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, – da, – o Schrecken! – der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte. Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen mich an.

Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen.

Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen.

Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume, fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten.

Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, – gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen.

Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen. Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, – er tippte dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien.

Aha, dachte ich, das ist die Falle!

Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend in den Vereinigten Staaten wohnten!

»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe.

»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter.