»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa ist der – Totengräber von New York!«

Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu sprechen, Carrie? Dear old Pa? Ich könnte mich tot lachen über meinen Witz. Und doch, – im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid. Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die Geisterstunde schlägt, – huh!

Armer Arnulf Clemens!

Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes sank auf den Normalstand zurück!

Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte mich ein scheuer – unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein, da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren, und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der »Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß ich ein loser Schelm sei! – Eine Stunde später dampften wir zurück nach New York. –

Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge. Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch – mir, Carrie, – nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen –, mir war das Herz ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige, Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, – Du würdest sagen: das ist die Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige, erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich gedrückt, war wohl doch zu grausam? –

So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl, amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe gelegentlich einmal an

Deine kleine Schwester Terrie.


Washington, den 10. November.