Meine liebe Terrie!

Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide.

Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt, täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird. Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren, und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...!

Doch davon später! –

Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden –; staune nur! Und das habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner herzlosen Schwester zu sühnen!

Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich bei diesen Worten Dein Herz klopfen, – sehe auch deutlich, wie unruhig und ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen.

Es war bei einer reizenden Tea-party bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich für mich geöffnet haben.

Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, – übrigens wurde auch getanzt, – als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Elegante Figur, – intelligentes Gesicht mit einer tiefen Narbe über der linken Backe, – schöne, geistvolle blaue Augen!

Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine halbohnmächtige, kleine Schwester und, – der Totengräber von New York, – das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf.

Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte, reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? – Das Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens, Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara.