Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben.

Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen. Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende, feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? – Amerikanische Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten Skrupel.

Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd setzte er hinzu:

»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.«

Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als – immer nur lachen!

Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich.

Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle ihr Wesen treiben.

Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er schwebte, aufzuklären.

»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen sind.«

Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern, während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten.