»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor.
»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe.
Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben, und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe haben es ihm gewaltig angethan.
Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren, und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten wir unseren Platz inne und plauderten weiter.
Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte: »zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt, daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen werde.
Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie!
Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde.
Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre.
Herzlich gern hätte ich ihm jetzt gesagt, daß Du einen Scherz mit ihm getrieben, so leid that er mir in diesem Momente. Aber ich durfte Dich ja nicht gar zu sehr kompromittieren und wartete mithin eine günstige Gelegenheit ab, ihm die Wahrheit zu gestehen.
»Nach den Mitteilungen Ihrer Fräulein Schwester ist der Beruf Ihres Herrn Vater ein ernster und schwerer?« warf er schüchtern und etwas unsicher ein.