Wie die Gefilde des Elysiums erschienen meinen Blicken die schönen breiten Straßen und Avenues der Empire City, wo alles Ruhe und Ordnung atmete. Gott sei gelobt! Nun gab es kein Drängen, Stoßen, Schreien und Schimpfen, keine zerbrochenen Wagen und Gliedmaßen, keine vom Sonnenstich befallenen, armen Opfer mehr, wie ich das zur Zeit meines Aufenthalts in der Stadt der Bruderliebe genügend geschaut und wovon mein unerfahrenes deutsches Auge sich oft zornig oder auch hilfesuchend abgewandt hatte.
Ein kühles, stilles Zimmer zu ungestörter Siesta in einem der prächtigen Hotels New Yorks, dann ein behagliches kleines Diner, in irgend einem lauschigen Winkel des Diningrooms – ein Fläschchen – – o nein, wir sind ja im Lande der Temperenzmen – eine Flasche erfrischenden Sodawassers – wie verlockend wirkte das alles nach stundenlanger Fahrt im durchgluteten Eisenbahn-Coupé!
Allein solche Bilder hüpften und tanzten gleich boshaften Neckteufelchen vor meinem niedergedrückten und bekümmerten Geiste. Denn – ich litt an Zahnschmerzen! Bei 30 Grad Reaumur im Schatten an schauderhaften, kaum erträglichen Zahnschmerzen!
Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Tage, die von Stunde zu Stunde noch im Steigen begriffene, mir vollständig ungewohnte Hitze – das alles mußte meine Nerven und mein Blut in solche Aufregung und Wallung versetzt haben, daß dieses leidige Übel, wovon ich seit meinen Jugendjahren kaum mehr geplagt worden war, mich mit so unbarmherziger Gewalt gepackt hatte. Wer kennt sie nicht – all' die Folterqualen und Torturen endloser, durch nichts zu besänftigende Zahnschmerzen?!
In New York angekommen, raste ich, unter Zurücklassung des Gepäcks, wie ein Besessener vom Bahnhof nach einer in der Nähe gelegenen Apotheke. Mit meinem etwas unverständlichen Englisch, jedoch mit für jedermann desto verständlicheren Gesten nach der linken Backe vermochte ich mein Elend zu offenbaren, und lächelnd wurde mir für 25 Cents eine winzige Phiole eingehändigt, welche die verheißungsvolle Aufschrift: »immediatly« (augenblicklich) trug.
O trostreiches, süßes Wort! Am liebsten wäre ich dem unbekannten Retter, dessen Hand mir diesen Schatz entgegenreichte, um den Hals gefallen. Doch halt! Mein kühles deutsches Blut bewahrte mich vor einer Übereilung. Erst probieren!
Gewiß – das Wundermittel half – aber nur für einen »Augenblick«, ganz der Überschrift entsprechend. Dann kehrten die wütenden Schmerzen mit doppelter Gewalt zurück. Zornig das Fläschchen beiseite schleudernd, verlangte ich nun rasch ein anderes Medikament und wankte schließlich, die Tasche voll Opiumpillen, spanischer Fliege und Kampfer, rat- und mutlos auf die Straße, um von der Apotheke bis zum ersten besten Hotel die unerquickliche philosophische Betrachtung anzustellen, warum eigentlich der weise Schöpfer uns ohnedies geplagten Erdenkindern zum Überfluß auch noch Zähne gegeben hat? Alle Dichter und Schriftsteller verwünschte ich, die jemals über: »zwei Reihen Perlen zwischen rosigen Lippen«, oder: »blendende Elfenbeinzähnchen« gereimt und gefabelt hatten. Alles das ist bittere Ironie.
An Speise und Trank war unter solch' kümmerlichen Verhältnissen natürlich nicht zu denken. Nachdem ich nur notdürftig Gesicht und Hände vom Eisenbahnstaube gesäubert hatte, bestieg ich den nächsten Tramwaywagen, bezahlte meine fünf Cents und fuhr hinaus nach dem Centralparke, weil ich zunächst und vor allem das Bedürfnis hatte nach reiner, frischer Luft, nach absoluter Ruhe. Fern vom Geräusche der Großstadt, ungestört von jedem mich belästigenden Blicke aus teilnehmenden oder neugierigen Augen – wollte ich dort oben in der Einsamkeit mein Elend zu vergessen suchen. Zumal lockte der prächtigste Sommerabend hinaus ins Freie. Endlich – endlich mußte ja doch dieser böse Plagegeist ein menschliches – Unsinn! ein Geist empfindet nie ein menschlich – sagen wir also: ein himmlisches Rühren fühlen oder seiner boshaften Mucken überdrüssig werden.
Erfrischender Waldgeruch und würziger Blumenduft schlugen mir entgegen. In langen Atemzügen sog ich den klaren Äther in mich ein. Wohlweislich die wenig frequentierten Wege suchend, gelangte ich nach etwa halbstündiger Wanderung in den oberen, romantischeren Teil des Parkes, wo Mutter Natur mehr gethan, als künstlerisches Schaffen und Geldaufwand zu thun im stande gewesen. Erschöpft und schon halb verzweifelt ließ ich mich dort auf eine Bank nieder und stöhnte laut.
Lachen Sie nicht, meine schönen Leserinnen! Warum soll ein alter Junggeselle nicht einmal laut stöhnen, selbst wenn er nicht vom Zahnweh geplagt wäre? Hat doch gerade er am meisten Ursache dazu. Keine weiche Hand streichelt ihm zärtlich die Wange, kein rosiger Mund spricht liebevolle Worte oder flüstert ihm tröstend zu, nur nicht ungeduldig zu werden und hübsch auszuharren! Zwar habe ich nie ein sehr liebebedürftiges Herz besessen; aber in diesem Momente fühlte ich wieder so recht allen Jammer und alle Hilflosigkeit meines Junggesellentums! Eine resolute Ehefrau würde auch vielleicht ausgerufen haben: »Genug jetzt des grausamen Spieles; geschwind in eine Droschke mit Dir und zum Zahnarzt! Der Missethäter muß ausgezogen werden!«