Ja, gewiß lobe und erkenne ich jeden gütigen Rat an, bin überhaupt windelweich geworden seit gestern, besonders gegen das schöne Geschlecht, opponiere nie mehr! Doch wenn man zwischen Fünfzig und Sechzig steht, außerdem mit Kauwerkzeugen nur mehr dürftig versorgt ist und diese wenigen sich des Gebrauchs halber noch einige Zeit erhalten möchte, da ist so eine Parforcekur wohl zu erwägen.

Also laut stöhnend, stützte ich den Kopf in die linke Hand und starrte in stummer Resignation auf den Kiesweg vor mir. Oder hatte die so natürliche physische Erschöpfung doch vielleicht für ein Weilchen mir die Augen geschlossen – ich weiß es nicht zu sagen. Besserung wenigstens verspürte ich nicht; denn plötzlich fuhr ich jäh empor. Ein dunkler Schatten war auf den Weg gefallen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß jemand vor mir stand.

Ja, vor mir standen wirklich zwei Personen. Aber um alles in der Welt, wer war das nur? – Mehrere Sekunden stierte ich mit fast blödem Ausdrucke in ein hageres braunes Antlitz, aus dem mir ein Paar merkwürdig sprechende Augen entgegenblitzten. Eine Frauengestalt mit einem Kinde war es; allein deren Erscheinung schien so durchaus originell, so frappierend, daß die angeborene deutsche Höflichkeit mir völlig abhanden kam und ich nicht einmal aufstand, den Hut zu lüften. Demungeachtet merkte ich, wie diese Gestalt sich etwas zu mir herabbeugte und halb teilnehmend fragend, halb bedauernd äußerte:

»Zahnschmerzen, Sir?«

Welch' guter Geist leitete mich nur in diesem Momente, daß ich, anstatt die Ruhestörerin schroff abzuweisen, ihr vielmehr offenherzig erwiderte:

»Ganz fürchterliche, Madame!«

»O, da wollen wir sofort Linderung oder Hilfe schaffen,« sagte die volle, merkwürdig tiefe Frauenstimme in fließendem, dabei jedoch eigenartig accentuiertem Englisch. Auch wurde das mit solcher Bestimmtheit gesprochen, als ob die Abhilfe so schnell und leicht zu bewerkstelligen wäre, wie man jemandem ein Stäubchen vom Rockkragen entfernt.

In sprachlosem Erstaunen, wahrscheinlich mit einem recht einfältigen Gesichte, blickte ich noch immer zu der seltsamen, wunderbaren Figur empor. Aber da saß sie auch schon dicht neben mir und suchte eifrig in den Falten ihres Kleides.

Trotz der mich noch immer peinigenden Schmerzen folgte ich in steigendem Interesse jeder ihrer behenden Bewegungen. Jetzt träufelte sie eine helle Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf etwas Baumwolle und reichte mir diese zu.

»Hier, Sir! Nun schnell ans Werk! Bezeichnen Sie mir den Übelthäter und Sie werden wie neugeboren sich fühlen,« meinte sie scherzend, indes im Tone unverkennbarer Überlegenheit und hohen Selbstbewußtseins.